Woher die Reform kommt
Michel Sablon war Assistenztrainer der belgischen Nationalmannschaft bei den Weltmeisterschaften 1986, 1990 und 1994 und wurde 2001 Technischer Direktor des Verbands. Er begann mit einer Bestandsaufnahme, die im europäischen Fußball ungewöhnlich war: Er ließ die belgische Ausbildung wissenschaftlich untersuchen.
Sablon beauftragte mehrere Universitäten – Leuven, Gent, Louvain-la-Neuve, Lüttich – mit der Analyse des belgischen Jugendfußballs. Die zentrale Rolle spielte Werner Helsen, Professor für Bewegungswissenschaft an der KU Leuven. Helsen und seine Studenten analysierten rund 1.500 Stunden Videomaterial von Jugendspielen: Ballkontakte pro Spieler, Passlängen, Aufbaumuster, Anteil langer Bälle, Intensität. Kinder trugen Herzfrequenzmesser, um die Belastung in verschiedenen Spielformaten zu vergleichen.
Die Ergebnisse waren eindeutig. Im 11 gegen 11 hatten Kinder wenige Ballkontakte, wenige Entscheidungen, wenige Abschlüsse. Der belgische Jugendfußball spielte lange Bälle, weil die Trainer gewinnen wollten und die Felder zu groß waren. Die Kinder lernten, was zum Gewinnen nötig war – nicht, was zum Fußballspielen nötig war.
Sablon zog daraus einen Plan, der 2006 vom Verband beschlossen wurde. Er hatte sich zuvor in den Niederlanden, Frankreich und Deutschland umgesehen und von Ajax und Barcelona gelernt. Er tauschte sich mit Matthias Sammer aus, der zur gleichen Zeit die deutsche Reform begleitete. Die Vision war eine Verdichtung dessen, was anderswo funktionierte – angepasst an ein kleines Land ohne große Vereine.
Die fünf Säulen der Vision
Kleinfeldformate, verordnet
Belgische Kinder spielen seit der Reform in kleinen Formaten: 5 gegen 5 in den jüngsten Jahrgängen, 8 gegen 8 im Übergang, 11 gegen 11 erst ab etwa U13. Die Begründung kam direkt aus Helsens Forschung: mehr Ballkontakte, mehr Eins gegen Eins, mehr Torabschlüsse pro Kind. Das war in Belgien vor der Reform nicht selbstverständlich, und der Widerstand der Vereine war erheblich.
Das 4-3-3 als nationales Lehrsystem
Wie die Niederlande verordnete Belgien allen Jugendmannschaften ein System: 4-3-3 mit offensiver Grundhaltung. Nicht, weil es das beste System ist, sondern weil ein einheitliches System eine gemeinsame Sprache schafft. Ein belgischer Jugendspieler, der den Verein wechselte, fand dieselben Rollen vor. Ein Nationaltrainer der U15 bekam Spieler, die alle im selben System gelernt hatten.
Die Vision schrieb dazu einen Spielstil vor: Ballbesitz, Aufbau von hinten, Dribbling als erwünschtes Mittel, hohes Pressing. Bob Browaeys, langjähriger Jugendnationaltrainer und einer der Autoren der Vision, hat 2018 gesagt, dass Roberto Martínez' Nationalmannschaft exakt den Fußball spiele, den die Vision zwanzig Jahre zuvor formuliert hatte.
Ausbildung vor Ergebnis
Die Vision definierte das Ziel der Jugendabteilungen neu: nicht Spiele gewinnen, sondern Spieler entwickeln. Das war das Ajax-Prinzip, national verordnet. Tabellen in den jüngsten Jahrgängen wurden abgeschafft, Trainer wurden geschult, Ergebnisse als zweitrangig zu behandeln. Wie überall war die Umsetzung unvollständig – aber die Haltung wurde zur offiziellen Linie.
Sportschulen mit doppeltem Training
Der Verband richtete acht Sportschulen ein – Topsportscholen –, an denen talentierte Spieler zwischen 14 und 18 zusätzlich zum Vereinstraining vormittags trainieren. Das verdoppelt die Trainingszeit, ohne die Schule zu opfern. Die Sportschulen sind das belgische Gegenstück zu Clairefontaine, aber breiter und in den Regionen verteilt. Viele Spieler der goldenen Generation haben sie durchlaufen.
Ein nationales Zentrum
In Tubize, südlich von Brüssel, entstand das nationale Trainingszentrum des Verbands, finanziert mit den Erlösen der EM 2000. Dort trainieren die Nationalmannschaften aller Altersklassen, dort findet die Trainerausbildung statt, dort wird die Vision gelehrt.
Die Vereine: Genk und Anderlecht
Die Reform hat den Rahmen gesetzt. Die Spieler kamen aus den Vereinen, und zwei stehen heraus.
Racing Genk
Genk ist ein Verein aus einer ehemaligen Bergbaustadt in Limburg mit rund 65.000 Einwohnern. Die Akademie hat in den 2000ern und 2010ern eine Dichte an Weltklasse-Spielern produziert, die für einen Verein dieser Größe einzigartig ist: Kevin De Bruyne, Thibaut Courtois, Divock Origi, Yannick Carrasco, Christian Benteke, Timothy Castagne, Leandro Trossard, Kalidou Koulibaly, der als junger Profi kam, Wilfred Ndidi, Sander Berge, Leon Bailey, Bilal El Khannouss.
Genk hat kein Einzugsgebiet, das das erklärt. Was übereinstimmend beschrieben wird: eine Akademie, die früh nach der Vision arbeitete, eine Sichtung, die auch nach Afrika und Skandinavien reichte, und eine erste Mannschaft, die junge Spieler konsequent einsetzte, weil der Verein finanziell nicht anders konnte. Genk ist das belgische Freiburg – klein, geduldig, abhängig von der eigenen Ausbildung.
Anderlecht
Anderlecht ist der Traditionsverein Belgiens, mit dem Sitz in Brüssel und dem größten Talentpool des Landes. Die Akademie, unter dem Namen Purple Talents vermarktet, brachte Vincent Kompany, Romelu Lukaku, Youri Tielemans, Leander Dendoncker, Jérémy Doku, Albert Sambi Lokonga, Zeno Debast und viele weitere hervor. Adnan Januzaj und Charly Musonda gingen früh nach England – Beispiele für das belgische Problem, dass englische Vereine Talente mit 15 oder 16 abwerben.
Anderlecht hat seit 2020 einen Umweg genommen: Vincent Kompany kehrte als Spielertrainer zurück, führte den Verein sportlich nicht zum Erfolg, aber baute junge Spieler ein, bevor er zu Burnley und dann Bayern ging. Der Verein ist seit Jahren sportlich instabil, die Akademie produziert weiter.
Standard, Brügge und die U23-Teams
Standard Lüttich brachte Marouane Fellaini, Axel Witsel und Michy Batshuayi hervor. Club Brügge hat in den 2020ern Charles De Ketelaere und andere ausgebildet und ist heute der finanzstärkste belgische Verein. Beide haben eigene Akademien nach der Vision.
Seit der Saison 2022/23 spielen die U23-Mannschaften der großen Vereine – Club NXT, RSCA Futures, Jong Genk – in der zweiten belgischen Liga, der Challenger Pro League. Das ist der Schritt, den Portugal, Spanien und die Niederlande vorher gegangen sind und den Deutschland nicht gegangen ist: Männerfußball um Punkte für 19-Jährige. Belgien hat ihn mit Verbandsbeschluss durchgesetzt, gegen den Widerstand kleinerer Zweitligisten.
Die Bilanz
Die goldene Generation hat keinen Titel gewonnen. WM-Dritter 2018 ist das beste Ergebnis. 2022 schied Belgien in der Vorrunde aus, 2024 im Achtelfinale. Kritiker sprechen von einer verschwendeten Generation.
Roberto Martínez, Nationaltrainer von 2016 bis 2022, hat das anders eingeordnet: Ein Land mit elf Millionen Einwohnern habe vier Jahre die Weltrangliste angeführt, acht Spieler mit über hundert Länderspielen hervorgebracht und zwanzig davon zu Trainern ausgebildet. Das sei die goldene Generation, unabhängig von Titeln.
Für die Frage nach der Ausbildung ist die Bilanz eindeutiger als für die Frage nach Titeln: Belgien hat aus einer Position ohne Turnierteilnahmen innerhalb von fünfzehn Jahren eine Generation produziert, die die Topligen Europas prägte. Der Zusammenhang mit der Reform ist nicht beweisbar – aber er ist plausibler als bei jeder anderen Verbandsreform Europas, weil Belgien vorher nichts hatte, was den Aufschwung sonst erklären könnte.
Die Kritik
Die nächste Generation ist dünner. Jérémy Doku, Loïs Openda, Charles De Ketelaere, Amadou Onana, Johan Bakayoko, Zeno Debast – gute Spieler, aber nicht De Bruyne, Hazard, Courtois. Ob die Reform eine einmalige Welle erzeugt hat oder ein dauerhaft höheres Niveau, ist offen. Die Vision wurde 2006 beschlossen; die Kinder, die vollständig nach ihr ausgebildet wurden, sind jetzt Mitte zwanzig.
Das Abwerben nach England. Belgische Talente gehen mit 15 oder 16 nach England, weil die Premier League zahlt und der Brexit den Zugang für EU-Spieler zwar erschwert, aber nicht gestoppt hat. Der letzte Ausbildungsschritt findet dann in Chelsea oder Manchester statt, nicht in Genk oder Anderlecht. Die Vision kann das nicht verhindern.
Das verordnete 4-3-3 hat dieselben Grenzen wie in den Niederlanden. Es schafft eine Sprache, aber es engt ein. Kritiker im belgischen Fußball fragen, ob die Vision zwanzig Jahre nach ihrer Formulierung noch die richtige ist.
Die Umsetzung war ungleich. Die großen Vereine setzten die Vision um, viele kleine nicht. Der Verband konnte empfehlen und schulen, aber nicht in jedem Dorf kontrollieren. Das ist das Problem jeder nationalen Reform.
Sablon ist weg, die Struktur bleibt. Sablon verließ den Verband und arbeitete später in Singapur. Bob Browaeys blieb lange. Ob eine Reform, die stark an Personen hing, dauerhaft trägt, ist die Frage, die Belgien in den nächsten zehn Jahren beantwortet.
Anwendung: Was du davon übernehmen kannst
Dieser Abschnitt ist unsere Interpretation.
Belgien ist der Fall, der zeigt, wie eine Reform aussieht, wenn sie aus Daten kommt statt aus Überzeugungen.
Zähle, bevor du entscheidest
Helsens Studenten haben 1.500 Stunden Video ausgewertet, bevor der Verband ein Format vorschrieb. Ein Jugendtrainer kann das im Kleinen: Zähle in einem 7-gegen-7-Spiel die Ballkontakte des schwächsten Spielers. Dann in einem 4 gegen 4. Die Zahlen entscheiden, nicht die Gewohnheit.
Nutze die Kinderfußball-Reform als Argument
Die deutsche Reform ab 2024/25 folgt der belgischen Logik von 2006. Wer im Verein Widerstand gegen kleine Formate erlebt – Eltern, die Tabellen wollen, Trainer, die 7 gegen 7 vermissen –, hat mit Belgien ein Argument: Ein Land hat das vor zwanzig Jahren gemacht und die beste Generation seiner Geschichte hervorgebracht.
Verdopple die Trainingszeit, nicht die Belastung
Die Sportschulen geben belgischen Talenten eine zweite Einheit am Vormittag. Für Amateurvereine ist das nicht machbar – aber das Prinzip ist: Wer mehr Zeit will, muss sie in den Alltag einbauen, nicht an die Einheit anhängen. Kooperationen mit Schulen, Fördertraining in Randzeiten, ein zusätzlicher Termin für die, die wollen.
Eine Sprache im Verein
Das verordnete 4-3-3 ist für einen einzelnen Verein übertragbar: ein System, alle Jahrgänge, dieselben Rollenbeschreibungen. Es muss nicht 4-3-3 sein. Es muss eins sein.
Ergebnis abschaffen, wo es geht
Belgien hat Tabellen in den jüngsten Jahrgängen gestrichen. Deutschland hat das mit der Kinderfußball-Reform nachgezogen. Für die Jahrgänge darüber kann ein Verein selbst entscheiden: Spielt die U13 um Ergebnisse, oder spielt sie um Ausbildung? Beides gleichzeitig geht selten.
Für Verbände: Der Übergang gehört dazu
Belgien hat 2022 die U23-Teams in die zweite Liga gebracht, gegen Widerstand. Deutschland hat das nicht. Wer in Verbandsstrukturen arbeitet: Das ist die eine strukturelle Entscheidung, die den größten Unterschied macht.
Was du dir merken solltest
- Belgien hat zwischen 2002 und 2012 kein Turnier erreicht und 2015 die Weltrangliste angeführt. Dazwischen liegt eine Reform, die 2006 beschlossen wurde.
- Michel Sablon ließ die Ausbildung wissenschaftlich untersuchen – Werner Helsen, KU Leuven, 1.500 Stunden Video – und leitete daraus ab: Kleinfeldformate, 4-3-3 als Lehrsystem, Ausbildung vor Ergebnis, Sportschulen, ein nationales Zentrum.
- Genk und Anderlecht sind die produktivsten Akademien: Genk klein und geduldig, Anderlecht mit dem größten Talentpool des Landes.
- Seit 2022 spielen U23-Teams in der zweiten Liga – der Übergangsschritt, den Deutschland nicht hat.
- Die goldene Generation gewann keinen Titel. Die nächste Generation ist dünner. Ob die Reform dauerhaft wirkt, ist offen.
- Übertragbar: zählen statt glauben, kleine Formate verteidigen, Trainingszeit in den Alltag bauen, eine Sprache im Verein, Ergebnis abschaffen, wo es geht.
Was Belgien mit einem Verbandsbeschluss für ein Land gemacht hat, kann ein Verein mit Club OS für seine Jahrgänge machen: eine Linie festlegen und sehen, ob sie in der U9 ankommt. Der Beschluss selbst braucht keinen Verband, nur einen Vorstand.
Häufige Fragen
Quellen und weiterführende Literatur
- Interviews mit Michel Sablon zur Reform, unter anderem im Guardian (2014), Bleacher Report (2018) und Wall Street Journal (2018).
- Interviews mit Bob Browaeys zur Umsetzung der Vision und zur Verbindung zur Nationalmannschaft.
- Werner Helsen, KU Leuven: Veröffentlichungen zur Analyse von Jugendspielformaten und zum 10.000-Stunden-Modell in der Talententwicklung.
- Königlich Belgischer Fußballverband: Präsentationen zur Ausbildungsvision und zum Zentrum in Tubize.
- Berichte zur Einführung der U23-Teams in der Challenger Pro League 2022.
- CIES Football Observatory: Berichte zu belgischen Ausbildungsvereinen.
Hinweis zur Faktenlage: Die Beschreibung der Reform beruht auf Interviews der Beteiligten und Sekundärquellen. Die genauen Spielformate und Altersgrenzen haben sich seit 2006 mehrfach angepasst. Der Zusammenhang zwischen Reform und Erfolg der goldenen Generation ist plausibel, aber nicht beweisbar.