Karriere und Entwicklung
De Zerbi hat als Trainer einen ungewöhnlichen Weg genommen. Von kleineren Vereinen in Italien — Foggia, Benevento, Sassuolo — entwickelte er seinen Stil im Verborgenen. Mit Sassuolo schaffte er es in die europäischen Wettbewerbe.
Dann kam Brighton. Von 2022 bis 2024 führte er den englischen Premier-League-Klub zu einem der attraktivsten Spielstile der Liga. Kein großes Budget, keine Weltklassespieler — aber ein klares, wiedererkennbares System.
Anschließend übernahm er den Posten bei Olympique Marseille, einem der größten Klubs Frankreichs. Das nächste große Projekt folgte mit Tottenham Hotspur in der Premier League.
De Zerbi ist kein Trainer, der sich anpasst. Er versucht, jeden Klub zu einem Spiegelbild seiner Ideen zu formen.
Die Grundidee: Gefahr einladen ist keine Schwäche
Das wichtigste Prinzip im De-Zerbi-System klingt auf den ersten Blick wie ein Fehler: Tief aufbauen, den Gegner anlocken, ihn nah kommen lassen.
Warum? Weil ein Gegner, der nach vorne presst, hinten Raum lässt. Und weil ein Gegner, der gelockt wurde, aus seiner ursprünglichen Organisation heraus ist.
De Zerbi sieht Pressing nicht als Bedrohung. Er sieht es als Einladung, durch die erste Linie zu spielen. Der Gegner kommt — und tappt in die Falle.
Das setzt voraus, dass die eigenen Spieler unter Druck sauber kombinieren können. Genau das ist der Kern der Trainingsarbeit.
Das System: 4-2-3-1 wird zu 2-4-4
Auf dem Papier spielt De Zerbi oft 4-2-3-1. Im Aufbau sieht die Struktur völlig anders aus.
Die Aufbaustruktur: 2-4-4
| Linie | Spieler | Aufgabe |
|---|---|---|
| Tiefe Aufbaulinie | 2 Innenverteidiger + Torwart | Breite aufbauen, erste Passoption |
| Mittlere Box | 2 Außenverteidiger + 2 Sechser | "Doppel-Box", Verbindung Aufbau-Angriff |
| Hohe Linie | 4 offensive Spieler | Tiefe, Breite, Bindung gegnerischer Verteidiger |
Der Schlüssel: Die zwei Innenverteidiger und der Torwart bleiben tief und breit. Die Außenverteidiger schieben in die mittlere Zone. Zusammen mit den beiden Sechsern bilden sie eine "Doppel-Box" — vier Spieler in einem zentralen Bereich, der schwer zu pressen ist.
Die vier offensiven Spieler stehen hoch und breit. Das zieht die gegnerische Defensive nach hinten.
Resultat im Zentrum: De Zerbis Mannschaft hat im zentralen Aufbaubereich oft 6:4-Überzahl gegen das gegnerische Pressing. Der Gegner kann rechnerisch gar nicht gut genug pressen.
Der Torwart als dritter Innenverteidiger
Ein auffälliges Merkmal des De-Zerbi-Systems ist die Rolle des Torwarts.
In einem Standard-4v2-Pressing ist ein Torwart oft außen vor. De Zerbi bezieht ihn aktiv ein. Der Keeper positioniert sich nicht hinter der Abwehrlinie, sondern rückt vor und wird zum dritten Aufbauspieler.
Was das bedeutet:
- Der Gegner muss entscheiden: Den Torwart anpressen oder nicht?
- Presst er den Torwart, öffnen sich Räume zwischen den Innenverteidigern
- Lässt er den Torwart stehen, hat De Zerbis Team immer eine freie Option tief
Fuß auf dem Ball: Torwärter bei De Zerbi halten den Ball aktiv. Sie nehmen sich Zeit, schauen auf, treffen eine Entscheidung. Das klingt riskant — erzwingt aber, dass der Gegner tatsächlich presst und sich dabei öffnet.
3 Kernprinzipien des De-Zerbi-Fußballs
Prinzip 1: Druck herauslocken
Aktiv tief aufbauen und warten, bis der Gegner kommt. Nicht sofort den langen Ball suchen. Den Gegner in Bewegung bringen. Erst wenn er seinen Kompaktblock verlassen hat, wird der Raum hinter ihm bespielt.
Prinzip 2: Sauber ausführen
Wenn der Gegner presst, muss die Ausführung stimmen. De Zerbi besteht auf:
- Saubere erste Kontakte (Ball unter Kontrolle, Körper richtig gedreht)
- Prall- und Klatschpässe in Bewegung — kein Stoppen
- Kein langer Ball unter Druck (der Ball geht zur nächsten sicheren Option, nicht weg)
Prinzip 3: Spiel kontrollieren
Kontrolle bedeutet bei De Zerbi nicht, dass der Ball endlos zirkuliert. Es bedeutet: Sechser bleiben tief und geben Struktur. Flügelspieler stehen hoch und binden Gegner. Der Ball landet beim freien Mann — und der hat Zeit, eine gute Entscheidung zu treffen.
Das Rondo als Herzstück des Trainings
Kein Bestandteil des De-Zerbi-Trainings ist wichtiger als das Rondo. Es ist nicht Aufwärmen. Es ist der Kern der taktischen Ausbildung.
De Zerbi nutzt drei Varianten:
Variante 1: 5v2
Klassisches Rondo auf engem Raum. Fünf Spieler gegen zwei Verteidiger. Ziel: wenige Kontakte, hohe Passgenauigkeit unter Druck.
Variante 2: 4v2+1 Floater
Vier Ballbesitzer, zwei Verteidiger, ein Floater am Rand. Der Floater spielt immer mit dem Ballbesitzer. Er ist die Ausweichoption und trainiert das Suchen des freien Manns.
Variante 3: 6v2+1 Floater
Größerer Raum. Mehr Spieler bedeutet mehr Variationen, aber auch mehr Verantwortung für jeden Einzelnen. Hier wird die Aufbaustruktur direkt simuliert.
Was das Rondo trainiert
| Ziel | Wie es trainiert wird |
|---|---|
| Technik unter Druck | Enger Raum, schnelle Verteidiger |
| Anspielwinkel | Körperstellung beobachten und coachen |
| Pressing im Doppel | Leibchen für pressende Spieler — Farbkontrast zeigt, wer presst |
| Spielschnelligkeit | 1-2 Kontakte als Anforderung |
Leibchen als taktisches Signal: Die beiden pressenden Spieler tragen farbige Leibchen. So sehen alle sofort, von wo das Pressing kommt — und können sich richtig positionieren.
Was passiert, wenn es nicht funktioniert?
De Zerbis System ist nicht fehlerlos. Wenn die Ausführung unter Druck nicht stimmt, entstehen Ballverluste in der eigenen Hälfte — in gefährlichen Zonen.
Das ist der Preis des Systems. Alonso akzeptiert ihn bewusst, weil er überzeugt ist: Langfristig gewinnt die Mannschaft mit dem besseren Aufbauspiel öfter. Und kurzfristige Fehler führen zu Lerneffekten, die anders nicht zu erzielen sind.
Das erklärt auch, warum es Zeit braucht. Mannschaften, die auf De-Zerbi-Fußball umstellen, brauchen Wochen bis Monate, bis das System sitzt.
5 Takeaways für Trainer
| # | Takeaway | Konkret |
|---|---|---|
| 1 | Mut auf dem Ball belohnen | Spieler, die unter Druck kombinieren, loben — auch wenn es mal schiefgeht |
| 2 | Rondos fest einplanen | Nicht als Aufwärmen, sondern als Trainingseinheit mit Taktik-Fokus |
| 3 | Freien Mann suchen lassen | Spieler aktiv dazu bringen, die Ausweichoption zu finden, bevor der Ball kommt |
| 4 | Wenige Kontakte fordern | Maximal 2 Kontakte als Anforderung, zumindest in Rondos |
| 5 | Pressing im Doppel | Immer zu zweit pressen — allein pressen bringt keinen Druck |
FAQ: De Zerbi Taktik
Warum baut De Zerbi so tief auf?
Tiefes Aufbauspiel lockt den Gegner an. Wenn der Gegner nach vorne presst, verlässt er seine Organisation. De Zerbi will genau diesen Moment nutzen, um durch die Pressinglinie zu kombinieren.
Welche Formation spielt De Zerbi?
Die Grundordnung ist oft 4-2-3-1, aber im Aufbau entsteht eine 2-4-4-Struktur. Zwei Innenverteidiger und der Torwart bleiben tief, die Außenverteidiger und Sechser bilden eine mittlere Box, vier Angreifer stehen hoch.
Warum spielt der Torwart bei De Zerbi so aktiv mit?
Der Torwart ist der dritte Innenverteidiger im Aufbau. Er erzwingt eine Entscheidung beim Gegner: Pressen oder nicht? In beiden Fällen entstehen Räume, die De Zerbis Mannschaft nutzen kann.
Was ist das "Doppel-Pressing" im De-Zerbi-System?
Zwei Spieler pressen immer gemeinsam. Das erzeugt tatsächlichen Druck auf den Ballführenden. Allein zu pressen bringt nur dann etwas, wenn der Gegner einen schlechten ersten Kontakt hat. Doppel-Pressing ist zuverlässiger.
Wie lange braucht eine Mannschaft, um De-Zerbi-Fußball zu spielen?
Das hängt vom Niveau der Spieler ab. Grob gesagt: Wochen bis Monate. Das System erfordert technische Qualität unter Druck und ein gutes Raumgefühl. Beides muss systematisch trainiert werden.
Kann man das De-Zerbi-System im Jugendfußball anwenden?
Ja — aber in vereinfachter Form. Die Grundprinzipien (Mut auf dem Ball, freien Mann suchen, Rondos) passen für jedes Niveau. Die komplexe Aufbaustruktur mit dem aktiven Torwart ist eher für fortgeschrittene Teams geeignet.
Was ist der Unterschied zwischen De Zerbi und Guardiola?
Beide spielen Positionsfußball mit hohem Ballbesitzanteil. Guardiola legt stärker auf Raumkontrolle und Staffelungen wert. De Zerbi ist direkter — er sucht aktiv den Weg durch die Pressinglinie, anstatt den Gegner durch Ballbewegung zu ermüden.
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