Die Zahl, die alles verändert hat
Vor der Zusammenarbeit behielt Liverpool bei Einwürfen unter Druck in 45,4 Prozent der Fälle den Ball. Nach der ersten Saison mit Thomas Grønnemark waren es 68,4 Prozent — von Platz 18 der Liga auf Platz 1.
In der Meistersaison 2019/20 fielen 14 der 85 Ligatore aus Einwurfsituationen.
Das ist kein Randdetail. Es ist eine Standardsituation, die zwanzig- bis dreißigmal pro Spiel vorkommt und in den meisten Mannschaften komplett dem Zufall überlassen wird.
Warum der Einwurf so oft verschenkt wird
Die typische Amateurszene läuft so ab: Der Ball geht ins Aus, der nächstbeste Spieler hebt ihn auf, alle Mitspieler stehen still und werden gedeckt, der Einwurf geht zum Innenverteidiger oder ins Aus.
Drei Ursachen stecken dahinter:
- Niemand bewegt sich. Ein Einwurf ist die einzige Situation im Fußball, in der die eigene Mannschaft weiß, wann der Ball wieder ins Spiel kommt. Dieser Vorteil bleibt ungenutzt, wenn keiner startet.
- Es gibt keine Zuständigkeit. Wer einwirft, ergibt sich zufällig daraus, wer am nächsten steht.
- Es wird nie trainiert. Ecken und Freistöße stehen im Trainingsplan, Einwürfe nicht.
Lang, schnell, clever
Grønnemark unterscheidet drei Arten von Einwürfen. Die Einteilung ist deshalb nützlich, weil sie klarmacht: Der lange Einwurf ist nur einer von dreien — und der am seltensten passende.
Der lange Einwurf zielt in den Strafraum und funktioniert wie eine Ecke. Er braucht einen Spieler mit entsprechender Wurftechnik und lohnt sich fast nur im letzten Drittel.
Der schnelle Einwurf nutzt das Zeitfenster, bevor der Gegner sortiert ist. Er ist die wirksamste und am meisten unterschätzte Variante — und er kostet nichts außer Aufmerksamkeit.
Der clevere Einwurf entsteht durch Freilaufbewegungen: Ein Spieler zieht einen Gegenspieler weg, ein anderer stößt in den entstandenen Raum. Genau hier liegt der Unterschied zwischen 45 und 68 Prozent Ballbesitz.
Der schnelle Einwurf
Die einfachste Regel, die du morgen einführen kannst: Wer dem Ball am nächsten ist, wirft ein. Nicht der Außenverteidiger, der erst dreißig Meter laufen muss.
Dazu zwei Automatismen:
- Ein Mitspieler bietet sich sofort an, ohne auf ein Zeichen zu warten.
- Der Einwerfer sucht zuerst nach vorne, dann zur Seite, dann zurück.
Der schnelle Einwurf funktioniert im Amateurbereich besonders gut, weil sich gegnerische Mannschaften dort selten geordnet zurückziehen.
Der clevere Einwurf: Bewegung erzeugt Raum
Ohne Bewegung ist jeder Einwurf eine Zweikampfsituation. Mit Bewegung wird er zu einer Überzahlsituation.
Zwei Muster, die überall funktionieren:
- Weglaufen und zurückkommen. Ein Spieler startet Richtung Tor und dreht kurz vor dem Einwurf ab in den Raum, den sein Gegenspieler gerade verlassen hat.
- Kreuzen. Zwei Spieler laufen aneinander vorbei. Für die Verteidiger entsteht ein kurzer Moment der Unklarheit, wer wen übernimmt.
Wichtig ist die Absicherung dahinter. Ein Ballverlust am eigenen Strafraum nach Einwurf ist einer der gefährlichsten überhaupt — dasselbe Prinzip wie bei der Restverteidigung im Spielaufbau, siehe Spielaufbau im Jugendfußball.
Wer wirft ein?
Bei Liverpool übernehmen sechs bis sieben verschiedene Spieler die Einwürfe. Das ist kein Zufall, sondern die Konsequenz aus der Regel, dass der Nächste wirft.
Für dein Team heißt das:
- Alle üben es, nicht nur zwei Spieler.
- Wer den langen Einwurf kann, ist bekannt — und wird im letzten Drittel gezielt geholt.
- Die Technik gehört dazu. Beide Füße am Boden, Ball hinter dem Kopf, beidhändig. Im Jugendbereich lohnt es sich, das einmal sauber zu zeigen, statt es jede Woche zu pfeifen.
Wie du es ins Training bringst
Du brauchst dafür keine eigene Einheit. Fünf Minuten pro Woche reichen:
- Baue Einwürfe in Spielformen ein. Ball im Aus heißt Einwurf, nicht Trainer wirft einen neuen Ball ein.
- Setz eine Bedingung. Zum Beispiel: Nach jedem Einwurf muss der Ball drei Kontakte im Team bleiben, sonst Ballverlust.
- Übe die Bewegung ohne Gegner, dann mit passivem, dann mit aktivem Gegner.
- Zähle mit. Wie viele Einwürfe bleiben im eigenen Team? Diese eine Zahl macht Fortschritt sichtbar.
Wie sich Standards insgesamt systematisch aufbauen lassen, steht im Artikel zu Ecken und Freistößen. Wer Liverpools Spielweise unter Klopp einordnen will, findet sie in der Taktik von Jürgen Klopp.
5 Takeaways für Trainer
- Der Nächste wirft ein. Diese eine Regel kostet nichts und verändert sofort das Tempo.
- Ohne Bewegung kein Einwurf. Mindestens ein Spieler startet, bevor der Ball in der Hand ist.
- Der lange Einwurf ist die seltenste Variante. Schnell und clever schlagen ihn fast immer.
- Ball im Aus heißt Einwurf, auch im Training. Sonst übt ihr die Situation nie.
- Zähl den Ballbesitz nach Einwurf. Ohne Zahl bleibt es Gefühl.