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Elfmeterschießen trainieren: Was die Forschung zeigt

Elfmeterschießen gilt als Lotterie. Das ist bequem, weil es niemanden verantwortlich macht — und es ist falsch. Der norwegische Forscher Geir Jordet hat jedes Elfmeterschießen bei Weltmeisterschaften, Europameisterschaften und in der Champions League seit 1976 ausgewertet, über siebenhundert Schüsse. Die Ergebnisse zeigen ein Muster, das sich trainieren lässt.

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Die Zahl, um die es geht

Jordets Analyse von 366 Elfmetern liefert den klarsten Befund: Schützen, die sich beim Auflegen des Balls Zeit ließen, trafen in 80 Prozent der Fälle. Schützen, die den Ablauf beschleunigten, nur in 58 Prozent.

Zweiundzwanzig Prozentpunkte. Zwischen zwei Verhaltensweisen, die technisch nichts miteinander zu tun haben.

Der Unterschied liegt nicht im Schuss. Er liegt in den zwanzig Sekunden davor.

Vermeidungsverhalten: das eigentliche Problem

Jordet nennt das Muster Vermeidungsverhalten. Es tritt auf, wenn der Druck am größten ist — bei Schüssen, deren Fehlschlag das Spiel sofort entscheidet.

Woran du es erkennst:

  • Der Blick geht weg vom Torwart. Der Schütze schaut auf den Ball, den Boden, irgendwohin.
  • Das Auflegen wird hastig. Ball hinlegen, sofort zurückgehen, keine Pause.
  • Der Anlauf beginnt zu früh. Oft schon, bevor der Schiedsrichter freigegeben hat.

Das sind keine Charakterschwächen. Es ist der Versuch, eine unangenehme Situation schnell hinter sich zu bringen. Genau dieser Versuch senkt die Trefferquote.

Interessant für Trainer: Jordet fand die schlechtesten Werte ausgerechnet bei Spielern mit dem höchsten Status. Wer am meisten zu verlieren hat, hetzt am ehesten.

Die Routine ist der einzige echte Anker

Wenn Hast das Problem ist, ist eine feste Routine die Lösung. Nicht als Ritual, sondern als etwas, das im Kopf Platz belegt, der sonst mit Angst gefüllt wäre.

Eine brauchbare Routine hat vier Schritte und dauert etwa zehn Sekunden:

1. Ball auflegen und kurz stehen bleiben. Nicht sofort zurückgehen.

2. Einmal bewusst zum Torwart schauen. Bewusst, nicht flüchtig.

3. Ein Atemzug. Ein einziger, aber vollständig.

4. Erst dann zurückgehen und auf das Signal warten.

Die Ecke wird vorher entschieden, nicht im Anlauf. Wer während des Anlaufs noch überlegt, überlässt dem Torwart die Entscheidung.

Diese Routine muss jeder Spieler für sich festlegen und immer gleich abspulen — im Training, im Spiel, im Elfmeterschießen. Eine Routine, die nur im Ernstfall herausgeholt wird, ist keine.

Die Reihenfolge

Die verbreitete Regel „die Besten zuerst" greift zu kurz. Sinnvoller ist:

  • Schütze 1 ist jemand, der sicher trifft und Ruhe ausstrahlt. Der erste Schuss setzt den Ton.
  • Schütze 5 braucht die stärksten Nerven, nicht die stärkste Technik. Sein Schuss ist der mit dem höchsten Druck.
  • Die Mitte ist der Platz für die Jüngeren und Unsicheren.
  • Niemand schießt, der nicht will. Ein Freiwilliger mit mittlerer Technik trifft zuverlässiger als ein überredeter Techniker.

Im Jugendbereich gilt zusätzlich: Die Reihenfolge steht vor dem Spiel fest, nicht in der hektischen Runde am Mittelkreis.

Der Torwart

Für den Torwart ist die Situation psychologisch günstig — er kann nur gewinnen. Genau das solltest du ihm sagen.

Praktisch hilft ihm:

  • Zeit lassen. Der Torwart bestimmt das Tempo, nicht der Schütze.
  • Präsenz statt Show. Aufrecht stehen, groß machen, Blickkontakt halten.
  • Spät entscheiden. Wer zu früh fällt, wird ausgeguckt.

Mehr zur Grundlage steht im Artikel zum Stellungsspiel des Torwarts.

Wie du es ins Training bringst

Der übliche Fehler: Am Ende der Einheit schießt jeder zweimal aufs Tor, ohne Druck, ohne Konsequenz. Das trainiert die Technik, nicht die Situation.

Was stattdessen funktioniert:

  • Nach der härtesten Belastung, nicht davor. Elfmeter fallen nach 120 Minuten, nicht frisch.
  • Mit Publikum. Die ganze Mannschaft steht am Mittelkreis und schaut zu. Das reicht als Druck.
  • Mit Konsequenz. Der Verlierer räumt auf. Klein, aber echt.
  • Mit dem kompletten Weg. Vom Mittelkreis zum Punkt, mit Routine — nicht mit einem Ballhaufen am Elfmeterpunkt.
  • Beobachte das Verhalten, nicht nur den Ball. Schaut er den Torwart an? Nimmt er sich Zeit?

Dieselbe Forschungsrichtung steckt hinter dem Scanning-Training nach Jordet — es geht in beiden Fällen darum, was ein Spieler vor der Aktion mit seinem Blick macht.

Was den Umgang mit Druck grundsätzlich angeht, lohnt der Artikel zur mentalen Stärke im Fußball.

5 Takeaways für Trainer

  • Trainiere die Sekunden vor dem Schuss, nicht nur den Schuss. Dort liegen die zweiundzwanzig Prozentpunkte.
  • Jeder Spieler bekommt eine feste Routine. Immer dieselbe, auch im normalen Training.
  • Die Ecke wird vorher entschieden. Nie im Anlauf.
  • Reihenfolge vorher festlegen, mit den stärksten Nerven an fünfter Stelle.
  • Nur Freiwillige schießen. Wer nicht will, trifft nicht.

Häufige Fragen

Kann man Elfmeterschießen überhaupt trainieren?+
Ja, aber nicht als reine Schusstechnik. Trainierbar sind Routine, Blickverhalten und der Umgang mit Druck — und genau dort liegen die messbaren Unterschiede.
Wie lange sollte die Routine dauern?+
Etwa zehn Sekunden. Wichtiger als die Dauer ist, dass sie immer identisch abläuft.
In welcher Reihenfolge sollten Spieler schießen?+
Sicherer Starter zuerst, stärkste Nerven an fünfter Stelle, unsichere Schützen in die Mitte. Und niemand, der nicht möchte.
Ab welchem Alter ist das sinnvoll?+
Ab der D-Jugend, sobald Pokalspiele mit Elfmeterschießen entschieden werden. Im Kinderbereich reicht der spielerische Zugang ohne Druckaufbau.
Was sagt man einem Spieler, der verschossen hat?+
Sofort und öffentlich, dass die Entscheidung mitzuschießen die richtige war. Der Fehlschuss ist das Risiko, das jeder eingeht, der sich meldet.

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