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Jürgen Klopp Taktik: Das 4-3-3 und das Gegenpressing erklärt

Seit dem 15. August 2026 ist Jürgen Klopp Bundestrainer. Was er mitbringt, ist keine neue Idee, sondern eine über zwanzig Jahre geschärfte: ein 4-3-3, das gegen den Ball zusammenrückt, Außenverteidiger, die das Spiel machen, und ein Gegenpressing, das den Ballverlust zur besten Angriffsgelegenheit erklärt. Wie das System funktioniert, warum es beim DFB anders läuft als im Verein und was du davon auf deinen Platz mitnimmst.

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Das Grundsystem: 4-3-3 mit klaren Rollen

Klopps Grundordnung ist über Dortmund und Liverpool hinweg stabil geblieben: ein 4-3-3. Auf dem Papier drei Stürmer, drei Mittelfeldspieler, eine Viererkette.

Gegen den Ball wird daraus etwas anderes. Wenn der Gegner kontrolliert aufbaut und die Mannschaft tiefer steht, verschiebt sich das 4-3-3 zu einem 4-1-4-1. Der Sechser bleibt allein vor der Abwehr und deckt den Raum vor den Innenverteidigern ab. Die beiden Achter schieben auf eine Linie mit den Flügelstürmern. Der Neuner bleibt vorne.

Diese Umformung ist der Kern: dieselben elf Spieler, zwei verschiedene Bilder, je nach Spielphase.

  • Mit Ball: 4-3-3, Außenverteidiger hoch und breit
  • Gegen den Ball, hoch: 4-3-3 mit dem Neuner als erstem Verteidiger
  • Gegen den Ball, tief: 4-1-4-1, kompakte Doppelreihe

Der Sechser ist dabei keine Nebenrolle. Er sichert ab, wenn die Außenverteidiger vorne sind, und rückt in die Abwehrreihe, wenn beide gleichzeitig im Pressing stehen. Ohne diesen Spieler kippt das ganze System.

Gegenpressing: der beste Spielmacher

Klopps bekanntester Satz beschreibt die Idee besser als jede Grafik: Der beste Spielmacher ist das Gegenpressing.

Dahinter steckt eine simple Beobachtung. Der Moment, in dem eine Mannschaft den Ball gerade erobert hat, ist der Moment, in dem sie am schlechtesten steht. Die Spieler sind noch in der Verteidigungsordnung, die Köpfe noch im vorherigen Bild, die Abstände stimmen nicht. Wer genau dann sofort nachsetzt, gewinnt den Ball in einer Zone zurück, in die man sich sonst mühsam kombinieren müsste.

Deshalb fällt Klopps Mannschaft nach Ballverlust nicht zurück. Sie greift an. Nicht mit einem Spieler, sondern mit dem ganzen ballnahen Verbund. Wer diese Idee auf die Spitze treibt, schiebt zusätzlich die Abwehrkette extrem hoch — wie in der Taktik von Hansi Flick.

Gegenpressing ersetzt keinen guten Pass. Es erzeugt die Situation, in der ein guter Pass überhaupt möglich wird.

Wie du Gegenpressing methodisch aufbaust, welche Auslöser es braucht und wo die Risiken liegen, steht ausführlich im Leitfaden zum Gegenpressing. Für die Zonen und die Ballrückeroberung lohnt sich zusätzlich der Artikel zum Pressing trainieren.

Die Außenverteidiger als Spielmacher

Was Klopps Fußball von anderen Pressingmannschaften unterscheidet, sind die Außenverteidiger. Bei ihm sind sie keine Absicherung, sondern die wichtigste Anspielstation im letzten Drittel.

Sie stehen hoch und breit. Sie halten das Feld auseinander, damit im Zentrum Räume entstehen. Und sie liefern einen Großteil der Torvorlagen — nicht der Zehner, nicht die Flügelstürmer.

Im Pressing haben sie eine zweite Aufgabe: Einer von ihnen schiebt mit nach vorne und presst gemeinsam mit dem Neuner und den Flügeln. Dahinter bleibt eine Dreierkette aus zwei Innenverteidigern und dem verbliebenen Außenverteidiger. Ist die Mannschaft mit beiden Außenverteidigern vorne, kippt der Sechser zurück und stellt die Dreierkette selbst her.

Das ist der teuerste Teil des Systems. Es verlangt Spieler, die neunzig Minuten lang beide Aufgaben erfüllen. Der Gegenentwurf dazu sind Guardiolas eingerückte Außenverteidiger, die ins Zentrum ziehen statt außen zu bleiben — nachzulesen in der Taktik von Pep Guardiola.

Der Stürmer, der keine Tore braucht

Klopps Neuner wird nicht an Toren gemessen. Er lässt sich fallen, zieht den Innenverteidiger mit und öffnet damit den Raum, in den die Flügelstürmer und die Achter hineinstoßen.

Das ist die schwierigste Rolle im System, weil sie in der Statistik nicht auftaucht. Der Spieler arbeitet für andere. Er ist gleichzeitig der erste Verteidiger: Sein Anlaufweg bestimmt, wohin der Gegner aufbauen darf und wo die Falle zuschnappt.

Wer diese Rolle im eigenen Team besetzen will, sucht keinen Torjäger. Er sucht einen Spieler, der versteht, warum er den Raum verlässt, den er eigentlich besetzen möchte.

Die ersten Sekunden nach dem Ballgewinn

Der Ball ist zurück. Jetzt zählt die Richtung.

Klopps Mannschaften spielen nach der Eroberung sofort nach vorne — nicht quer, nicht zurück. Der Gedanke dahinter ist derselbe wie beim Gegenpressing, nur umgekehrt: Der Gegner steht in diesem Moment offen. Jede Sekunde, die vergeht, ist eine Sekunde, in der er sich sortiert.

Funktioniert der schnelle Angriff nicht, wird der Ball beruhigt und neu aufgebaut. Aber die erste Option ist immer die vertikale. Mehr zu diesem Moment findest du im Artikel zum Umschaltspiel.

Klopps Coaching-Stil

Klopp gilt nicht als Taktiktüftler. Er gilt als Menschenführer — und das ist kein Nebenaspekt seines Erfolgs, sondern die Voraussetzung dafür, dass sein System überhaupt läuft.

Gegenpressing funktioniert nur, wenn alle gleichzeitig loslaufen. Ein Spieler, der nicht mitgeht, reißt das ganze Gebilde auf. Diese Bereitschaft lässt sich nicht anweisen, sie muss gewollt sein. Genau daran arbeitet Klopp.

  • Beziehung vor Taktiktafel: Er investiert Zeit in einzelne Spieler, nicht nur in Abläufe.
  • Emotion als Werkzeug: Die Intensität an der Seitenlinie ist kein Temperament, sondern Teil der Ansprache.
  • Klare, einfache Sprache: Wenige Prinzipien, immer wieder, statt einer neuen Idee pro Woche.
  • Rückschläge gehören dazu: Niederlagen werden eingeordnet, nicht zerredet.

Bei seiner Vorstellung als Bundestrainer hat er die Marschrichtung selbst benannt: Gegenpressing werde ein Thema sein, dazu gute Organisation, eine stabile Formation und eine klare Idee.

Die neue Aufgabe: Nationaltrainer statt Vereinstrainer

Klopp folgt beim DFB auf Julian Nagelsmann, der nach dem Aus bei der Weltmeisterschaft 2026 zurückgetreten ist. Der Vertrag läuft über vier Jahre, bis zur Europameisterschaft 2028 und der Weltmeisterschaft 2030. Mit ihm kommen Peter Krawietz, Pepijn Lijnders und Sven Bender ins Trainerteam. Den ersten Kader nominiert er am 17. September 2026, der erste Lehrgang beginnt am 21. September.

Die eigentliche Frage ist nicht, ob Klopp sein System kennt. Sie ist, ob es sich auf eine Nationalmannschaft übertragen lässt.

Gegenpressing ist die trainingsintensivste Spielweise im Fußball. Sie lebt von Automatismen, die täglich wiederholt werden. Im Verein sieht ein Trainer seine Spieler fast jeden Tag. Beim DFB sieht er sie alle paar Wochen für ein paar Tage.

Das zwingt zur Reduktion: weniger Details, dafür wenige Prinzipien, die sofort greifen. Für dich als Amateur- oder Jugendtrainer ist das übrigens die interessanteste Parallele. Zwei oder drei Einheiten pro Woche sind näher an der Situation eines Bundestrainers als an der eines Profivereins.

Stand: August 2026.

5 Takeaways für Amateur- und Jugendtrainer

  • Trainiere den Moment nach dem Ballverlust, nicht nur den nach dem Ballgewinn. Die meisten Teams üben Umschalten nur in eine Richtung.
  • Ein Prinzip schlägt zehn Anweisungen. Klopp wiederholt wenige Grundsätze über Jahre. Wechsle nicht jede Woche das Thema.
  • Deine Außenverteidiger sind eine ungenutzte Waffe. In den meisten Amateurteams verteidigen sie nur. Gib ihnen eine Aufgabe nach vorne.
  • Besetze die Neuner-Rolle nach Verständnis, nicht nach Toren. Der Spieler, der Räume öffnet, macht die Mannschaft besser als der, der nur abschließt.
  • Ohne Bereitschaft kein Pressing. Wenn einer nicht mitgeht, funktioniert es nicht. Das ist Führungsarbeit, keine Taktikarbeit.

Häufige Fragen

Welches System spielt Jürgen Klopp?+
Ein 4-3-3, das gegen den Ball zu einem 4-1-4-1 zusammenrückt. Die Grundordnung ist über seine Stationen in Mainz, Dortmund und Liverpool weitgehend gleich geblieben.
Was ist Gegenpressing einfach erklärt?+
Sofortiges Nachsetzen direkt nach dem Ballverlust, statt sich zurückfallen zu lassen. Der Gegner steht in diesem Moment ungeordnet, deshalb ist die Chance auf eine schnelle Rückeroberung am größten.
Ist Gegenpressing im Amateurfußball umsetzbar?+
In Teilen ja. Die vollständige Variante braucht sehr viel Trainingszeit und Fitness. Sinnvoll ist, mit klaren Auslösern in einer Zone zu beginnen, statt das ganze Feld pressen zu wollen.
Ab welchem Alter kann man Gegenpressing trainieren?+
Als Prinzip früh, als System spät. Im Kinderbereich reicht die Idee, nach dem Ballverlust sofort hinterherzugehen. Die abgestimmte Mannschaftsbewegung ergibt erst ab der C-Jugend Sinn.
Wer gehört zu Klopps Trainerteam beim DFB?+
Peter Krawietz, Pepijn Lijnders und Sven Bender. Krawietz und Lijnders arbeiteten bereits in Liverpool mit ihm zusammen.

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