Die Studie, um die es geht
Die am häufigsten zitierte Untersuchung ist die Arbeit von Soligard und Kolleginnen, veröffentlicht 2008 im British Medical Journal. Sie hat den Ruf des strukturierten Aufwärmens begründet.
Der Aufbau war für Sportstudien ungewöhnlich sauber: eine cluster-randomisierte kontrollierte Studie mit 125 norwegischen Vereinen und 1.892 Spielerinnen im Alter von 13 bis 17 Jahren, aufgeteilt in Interventions- und Kontrollgruppe. Die Interventionsteams absolvierten das Programm, das heute als FIFA 11+ bekannt ist: acht Minuten Lauf-Übungen, zehn Minuten Kraft und Gleichgewicht, zwei Minuten Laufen. Die Kontrollteams wärmten auf wie zuvor.
Was die Studie gefunden hat, und was nicht
Hier lohnt der genaue Blick, weil er in der Zusammenfassung meist verloren geht.
Deutlich und statistisch abgesichert waren die Rückgänge bei schweren Verletzungen und bei Überlastungsverletzungen. Also genau bei den Ausfällen, die einen Spieler wochenlang aus dem Kader nehmen.
Beim Gesamtwert war das Ergebnis schwächer, als die gängige Zitierung nahelegt. Über alle Verletzungen hinweg lag das Rate Ratio bei 0,71 — rechnerisch 29 Prozent weniger — mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 0,49 bis 1,03. Dieses Intervall schließt die 1 ein. Das heißt: Für die Gesamtzahl aller Verletzungen erreichte diese eine Studie das übliche Signifikanzniveau nicht.
Das ist kein Argument gegen Prävention. Es ist ein Argument dagegen, sich auf eine Studie zu berufen. Die Spanne von 30 bis 50 Prozent stammt aus der Zusammenschau mehrerer Untersuchungen und späterer Übersichtsarbeiten, nicht aus dieser einen Zahl.
Der Faktor, der über die Wirkung entscheidet
Die praktisch wichtigste Erkenntnis kam erst durch die Folgeauswertungen: Die Wirkung hängt fast vollständig an der Regelmäßigkeit.
Spielerinnen mit hoher Programmtreue hatten in den Auswertungen ein um etwa 35 Prozent geringeres Verletzungsrisiko. Teams, die das Programm nur sporadisch machten, kamen nicht in die Nähe dieses Werts. Als Untergrenze gilt in der Literatur etwa zweimal pro Woche.
Daraus folgen drei Dinge, die im Trainingsalltag mehr zählen als jede Prozentzahl:
Der Effekt baut sich auf. Je nach Trainingshäufigkeit dauert es rund zehn bis zwölf Wochen, bis sich etwas zeigt. Wer nach vier Wochen abbricht, weil nichts passiert ist, hat das Programm nie getestet.
Der Effekt verschwindet wieder. Prävention ist kein Kurs, den man absolviert, sondern eine Gewohnheit, die man hält. Nach dem Aufhören nähert sich das Risiko wieder dem Ausgangswert.
Die Ausführung entscheidet mit. Die Programme wirken über neuromuskuläre Kontrolle, nicht über die Anzahl der Wiederholungen. Ein schlampig ausgeführter Ausfallschritt trainiert nichts. Wie das konkret aussieht, steht in 11+ ins Training integrieren und im Rumpftraining.
Was das für deine Praxis bedeutet
- Ins Aufwärmen, nicht ans Ende. Die untersuchten Programme sind Aufwärmprogramme. Am Ende der Einheit ist die Ausführung müdigkeitsbedingt schlechter.
- Mindestens zweimal pro Woche. Darunter ist die Datenlage dünn und der Effekt entsprechend.
- Zehn bis zwölf Wochen Geduld. Vorher lohnt keine Bewertung.
- Hinschauen und korrigieren. Die halbe Wirkung steckt in der Technik, nicht im Absolvieren.
- Es kostet nichts. Kein Equipment, keine Lizenz, kein Fachwissen. Der einzige Preis sind zehn bis fünfzehn Minuten Trainingszeit.
Wo die Studienlage dünn bleibt
Ehrlichkeit gehört dazu, sonst ist dieser Artikel nur eine weitere Präsentationsfolie.
Die Ausgangsstudie untersuchte Mädchen zwischen 13 und 17. Die Übertragung auf Jungen, auf Erwachsene und auf den Kinderbereich ist plausibel und wird durch weitere Arbeiten gestützt, ist aber nicht dasselbe wie ein direkter Beleg. Was im Kinderbereich sinnvoll ist, steht in der Verletzungsprävention im Jugendfußball.
Programmtreue lässt sich schwer messen. Studien arbeiten mit Selbstauskunft der Trainer. Wer sein Programm für konsequent hält, macht es nicht zwangsläufig konsequent.
Einzelne Verletzungsarten sind unterschiedlich gut belegt. Für die hintere Oberschenkelmuskulatur ist die Beleglage besonders stark, für andere Bereiche schwächer. Details dazu bei Knieverletzungen und Knöchelverletzungen.
Fazit
- Die Standardzahl „30 bis 50 Prozent" stammt aus der Zusammenschau mehrerer Studien, nicht aus einer.
- Die meistzitierte Einzelstudie (Soligard und Kolleginnen, BMJ 2008) belegte klar weniger schwere Verletzungen und weniger Überlastungsverletzungen. Beim Gesamtwert lag das Konfidenzintervall bei 0,49 bis 1,03 und schloss damit die 1 ein.
- Der belastbarste Befund ist nicht die Prozentzahl, sondern die Abhängigkeit von der Regelmäßigkeit: hohe Programmtreue, rund ein Drittel weniger Risiko.
- Mindestens zweimal pro Woche, im Aufwärmen, zehn bis zwölf Wochen Geduld, und auf die Ausführung schauen.