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Benfica Seixal: Wie Portugals produktivste Akademie ausbildet

Bernardo Silva, Rúben Dias, João Cancelo, Renato Sanches, João Félix, Gonçalo Ramos, António Silva, João Neves. Alle haben in Seixal gelernt, einem Vorort südlich des Tejo, gegenüber von Lissabon. Dort steht der Benfica Campus, eröffnet 2006. Seit über einem Jahrzehnt gehört Benfica zu den Vereinen mit den höchsten Transfererlösen aus der eigenen Jugend – regelmäßig an der Spitze der Rankings des CIES Football Observatory. Portugal hat rund zehn Millionen Einwohner. Dass ein Verein aus diesem Land so viele Profis für die großen Ligen produziert, ist kein Zufall. Es ist das Ergebnis eines Modells, das ausbildet, um zu verkaufen – und das dafür eine Struktur gebaut hat, die in Europa ihresgleichen sucht.

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Woher das Modell kommt

Benfica war bis in die 2000er ein Verein mit großer Geschichte und schlechter Bilanz. Die Europapokalsiege von 1961 und 1962 lagen weit zurück, die Schulden waren hoch, die Jugendarbeit war zersplittert über mehrere Standorte in Lissabon.

Unter Präsident Luís Filipe Vieira, der 2003 antrat, wurde die Akademie neu gedacht. Die Entscheidung, einen zentralen Campus zu bauen, hatte einen sportlichen und einen wirtschaftlichen Grund. Sportlich, weil Benfica mit Porto nicht mithalten konnte, das in den Mourinho-Jahren Europa dominierte. Wirtschaftlich, weil der Verein erkannte, dass portugiesische Talente auf dem europäischen Markt einen Preis haben, der die Investition in eine Akademie um ein Vielfaches übersteigt.

Der Campus in Seixal wurde 2006 eröffnet. Er umfasst mehrere Rasen- und Kunstrasenplätze, ein Internat, eine Schule, medizinische Einrichtungen und die Trainingsanlagen der ersten Mannschaft. Alle Jahrgänge und die Profis trainieren am selben Ort.

Zwei weitere Entscheidungen prägten das Modell. 2012 ließ der portugiesische Verband B-Mannschaften in der zweiten Liga zu – Benfica B wurde zur Brücke zwischen Jugend und Profis. Und Benfica baute mit dem Benfica Lab eine Abteilung für Sportwissenschaft, Datenanalyse und Leistungsdiagnostik auf, die alle Mannschaften bedient.

Die Struktur

Alles an einem Ort

Der Campus ist das Fundament. Ein Zwölfjähriger sieht jeden Tag, wo die erste Mannschaft trainiert. Ein Profi sieht, woher der Nachwuchs kommt. Die Trainer der Jahrgänge tauschen sich täglich aus. Diese räumliche Nähe ist kein Detail. Sie ist der Grund, warum Durchlässigkeit bei Benfica funktioniert und bei vielen anderen Vereinen nur auf dem Papier steht.

Sichtung im Großraum Lissabon

Benfica sichtet vor allem im Großraum Lissabon, der mit rund drei Millionen Menschen etwa ein Drittel der portugiesischen Bevölkerung umfasst. Kinder kommen früh in Benfica-Vorschulen und Partnerprogramme, die talentiertesten wechseln mit acht bis zwölf Jahren in die Akademie. Der Verein konkurriert dabei mit Sporting, dessen Akademie in Alcochete nur wenige Kilometer entfernt liegt. Die Konkurrenz um dieselben Kinder hat beide Akademien besser gemacht.

Dazu kommt ein Netzwerk in den ehemaligen portugiesischen Kolonien – Angola, Mosambik, Kapverden, Guinea-Bissau, Brasilien – aus dem Spieler nach Seixal kommen. Renato Sanches und Nélson Semedo sind Beispiele für Spieler aus Lissabonner Vororten mit Wurzeln in Kapverden und Guinea-Bissau.

Das Internat

Rund 70 Spieler wohnen auf dem Campus, viele aus dem Norden Portugals, von den Inseln oder aus dem Ausland. Schule, Training, Ernährung und Betreuung finden am selben Ort statt. Das ist teuer, aber es erlaubt Benfica, Spieler aus dem ganzen Land zu holen, ohne die Familien zum Umzug zu zwingen.

Benfica B als Brücke

Das ist der Teil, der Benfica von deutschen Vereinen am stärksten unterscheidet. Benfica B spielt in der zweiten portugiesischen Liga – gegen erwachsene Profimannschaften, um Punkte, vor Publikum. Ein 18-Jähriger, der die Jugend verlässt, spielt dort ein oder zwei Jahre Männerfußball, bevor er für die erste Mannschaft infrage kommt oder verkauft wird.

Bruno Lage trainierte Benfica B, bevor er 2019 die erste Mannschaft übernahm und Meister wurde – mit einer Mannschaft, in die er João Félix, Rúben Dias und Florentino Luís aus der B-Mannschaft einbaute. Renato Paiva, Nélson Veríssimo und andere gingen denselben Weg.

Der Vergleich mit Deutschland ist unfair, weil hier die Regionalliga die höchste Stufe für zweite Mannschaften ist. Aber er zeigt, warum portugiesische Talente mit 20 oft reifer wirken als deutsche: Sie haben zwei Jahre Zweitliga-Männerfußball hinter sich.

Benfica Lab

Die sportwissenschaftliche Abteilung unterstützt alle Jahrgänge: Leistungsdiagnostik, Belastungssteuerung, Videoanalyse, Ernährung, Psychologie. Für Jugendspieler bedeutet das individuelle Profile von früh an. Der Verein weiß, wie sich ein Spieler körperlich entwickelt, und kann Training und Belastung anpassen.

Was dokumentiert ist: Benfica setzt stark auf Individualisierung. Jeder Spieler hat einen Entwicklungsplan, der regelmäßig überprüft wird. Die Akademie beschäftigt Psychologen, die mit den Spielern arbeiten – nicht als Krisenintervention, sondern als Teil der Ausbildung.

Wie trainiert wird

Benfica hat kein öffentliches Curriculum. Was aus Berichten von Trainern und Besuchern übereinstimmend beschrieben wird:

Spielidee über alle Jahrgänge. Wie bei den anderen großen Akademien — La Masia, Ajax — spielen alle Benfica-Mannschaften eine verwandte Spielidee: Aufbau von hinten, Positionsspiel, Dominanz in Ballbesitz, hohes Pressing. Das 4-3-3 oder 4-2-3-1 ist die Grundordnung, aber der Fokus liegt auf Prinzipien.

Technik als Fundament, Entscheidung als Ziel. Portugiesische Ausbildung legt traditionell großen Wert auf Technik unter Druck. Das hat auch mit dem Futsal zu tun, der in Portugal im Kinderfußball weit verbreitet ist – enge Räume, schnelle Entscheidungen, viele Ballkontakte. Viele portugiesische Profis haben Futsal gespielt, bevor sie zum Feldfußball kamen.

Kleine Spielformen. Der Kinderfußball in Portugal spielt lange auf kleinen Feldern mit wenigen Spielern. 7 gegen 7 bis U11, 9 gegen 9 bis U13. In der Akademie dominieren Spielformen mit vier bis sieben Spielern pro Seite.

Positionsspezifische Arbeit früh. Anders als Ajax spezialisiert Benfica früher. Ab etwa U14 wird gezielt an positionsspezifischen Fähigkeiten gearbeitet, mit Individualtraining neben dem Mannschaftstraining.

Taktische Periodisierung als Hintergrund. Portugal ist das Land von Vítor Frade und der Taktischen Periodisierung. Viele Trainer in Seixal haben an der Universität Porto oder an Lissabonner Fakultäten studiert, wo die Methode gelehrt wird. Die Wochenplanung in der Akademie folgt einer verwandten Logik: Spielformen statt isolierter Kondition, Tage mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Wie streng das umgesetzt wird, variiert nach Trainer.

Wettkampf als Ausbildungsmittel. Benfica-Jugendmannschaften spielen um Titel. Die U19 gewann 2022 die UEFA Youth League. Anders als bei Ajax ist Ergebnis nicht zweitrangig – Benfica sieht Gewinnen als Teil der Ausbildung.

Das Verkaufsmodell

Benfica bildet aus, um zu verkaufen. Der Verein sagt das offen. João Félix ging 2019 für rund 126 Millionen Euro zu Atlético Madrid, mit 19 Jahren, nach einer Saison in der ersten Mannschaft. João Neves wechselte 2024 mit 19 zu Paris Saint-Germain, Gonçalo Ramos 2023 zum selben Verein. Rúben Dias, Bernardo Silva, João Cancelo – alle verkauft, bevor sie 25 waren.

Die Logik: Ein Spieler, der mit 19 für 100 Millionen geht, finanziert die Akademie für ein Jahrzehnt. Benfica reinvestiert in Sichtung, Infrastruktur und Trainer. Das Modell ist stabil, weil es sich selbst trägt.

Der Preis: Benfica hat in den letzten 15 Jahren nie eine Mannschaft lange zusammengehalten. Jede gute Generation wird nach ein, zwei Jahren verkauft. Der Verein gewinnt Meisterschaften, aber in Europa reicht es selten über das Viertelfinale hinaus.

Die Kritik

Frühe Verkäufe kosten Ausbildungsjahre. Wie bei Ajax verlässt der Spieler den Verein, bevor der letzte Ausbildungsschritt abgeschlossen ist. João Félix hat nach Benfica nie wieder das Niveau seiner einen Saison in Lissabon erreicht. Renato Sanches wurde mit 18 für 35 Millionen an Bayern verkauft und hat seine Karriere nicht so entwickelt, wie es sich abzeichnete. Das ist nicht Benficas Schuld – aber es zeigt die Grenze des Modells.

Die Akademie dient dem Geschäft. Ausbildung, um zu verkaufen, ist ein legitimes Modell. Aber es verändert Prioritäten. Ein Spieler mit Marktwert wird anders behandelt als einer ohne. Die Kritik daran ist in Portugal selbst laut.

Die Konkurrenz mit Sporting. Beide Akademien sichten dieselben Kinder im selben Großraum. Das treibt die Qualität, aber auch den Druck auf Familien. Berichte über frühe Verpflichtungen, Wechselgeschenke und Konflikte zwischen den Vereinen gibt es regelmäßig.

Schwache Dokumentation der Methodik. Benficas Stärke ist Struktur, nicht Methode. Es gibt kein Buch, keine Lehre, die man nachlesen könnte. Was übertragbar ist, ist die Organisation.

Anwendung: Was du davon übernehmen kannst

Dieser Abschnitt ist unsere Interpretation.

Benfica ist eine Lektion in Struktur. Für einen einzelnen Trainer ist wenig direkt übertragbar. Für einen Verein einiges.

Mach den Übergang zur Herrenmannschaft zum Projekt

Der größte Talentverlust im deutschen Amateurfußball passiert zwischen U19 und Herren. Benfica hat dafür eine ganze Mannschaft. Ein Amateurverein kann wenigstens einen Plan haben: Wer aus der U19 trainiert ab Rückrunde bei den Herren mit? Wer spielt in der zweiten Herrenmannschaft? Wer betreut den Übergang? Ohne Plan geht der Spieler zum Nachbarverein oder hört auf.

Sieh Futsal und Kleinfeld als Ausbildung, nicht als Ersatz

Portugiesische Spieler spielen als Kinder viel in engen Räumen. Im Winter Futsal statt Hallenfußball mit Bande. In der Halle 3 gegen 3 statt 6 gegen 6. Die Ballkontakte pro Spieler steigen, die Entscheidungsgeschwindigkeit auch.

Ein Entwicklungsplan pro Spieler

Benfica Lab ist Infrastruktur, die kein Amateurverein hat. Der Kern ist trotzdem übertragbar: Jeder Spieler hat ein Profil, das zweimal pro Saison aktualisiert wird, und ein bis zwei Dinge, an denen er arbeitet. Das kostet Zeit, keine Technik.

Gewinnen und Ausbilden müssen sich nicht ausschließen

Benfica widerspricht dem Ajax-Dogma. Die Akademie spielt um Titel und bildet trotzdem aus. Der Unterschied liegt darin, wie gewonnen wird: mit der Spielidee, mit Spielern auf ihren Ausbildungspositionen, mit rotierender Spielzeit. Nicht mit langen Bällen auf den Frühentwickler.

Ein Ort, ein Austausch

Wenn alle Mannschaften am selben Ort trainieren, reden die Trainer miteinander. Wenn die Jugend auf einem Nebenplatz drei Kilometer entfernt trainiert, tun sie es nicht. Wo es möglich ist: gemeinsame Trainingszeiten, gemeinsame Trainersitzungen, gemeinsame Sprache.

Was du dir merken solltest

  • Benfica Seixal ist seit 2006 ein zentraler Campus für alle Jahrgänge und die Profis. Die räumliche Nähe ist der Grund für die Durchlässigkeit.
  • Benfica B in der zweiten Liga ist die Brücke: zwei Jahre Männerfußball zwischen Jugend und erster Mannschaft.
  • Das Benfica Lab liefert individuelle Profile und Belastungssteuerung von früh an.
  • Sichtung konzentriert sich auf den Großraum Lissabon und die portugiesischsprachige Welt, in direkter Konkurrenz mit Sporting.
  • Das Modell ist ein Verkaufsmodell und trägt sich selbst. Der Preis sind frühe Abgänge und Mannschaften, die nie lange zusammenbleiben.
  • Übertragbar ist die Struktur: Übergang zu den Herren als Projekt, Kleinfeld und Futsal, Entwicklungspläne, ein Ort für alle.

Die Spielerhistorie in Coach OS wandert beim Jahrgangswechsel mit – der neue Trainer sieht, woran zuletzt gearbeitet wurde. Das ist der kleinste Baustein dessen, was Benfica mit dem Lab über alle Jahrgänge macht.

Häufige Fragen

Was ist der Benfica Campus in Seixal?+
Das 2006 eröffnete Trainingszentrum von Benfica südlich von Lissabon, mit Plätzen, Internat, Schule und medizinischen Einrichtungen für alle Jahrgänge und die erste Mannschaft.
Warum produziert Benfica so viele Profis?+
Zentraler Campus, Benfica B in der zweiten Liga als Übergang, sportwissenschaftliche Begleitung, Sichtung im Großraum Lissabon und ein Verkaufsmodell, das die Einnahmen reinvestiert.
Was ist Benfica B?+
Die zweite Mannschaft, die seit 2012 in der zweiten portugiesischen Liga spielt. Spieler zwischen 18 und 21 sammeln dort Männerfußball-Erfahrung, bevor sie in die erste Mannschaft aufrücken oder verkauft werden.
Ist Benficas Akademie besser als die von Sporting oder Porto?+
Alle drei gehören zu den produktivsten Europas. Benfica hat die höchsten Verkaufserlöse, Sporting die längere Tradition an Weltklasse-Flügelspielern, Porto die methodische Schule. Ein Ranking wäre Geschmackssache.
Warum spielen so viele portugiesische Profis Futsal als Kinder?+
Weil Futsal in Portugal im Schul- und Vereinssport weit verbreitet ist. Die engen Räume und schnellen Entscheidungen gelten als Grund für die technische Stärke portugiesischer Spieler.

Quellen und weiterführende Literatur

  • CIES Football Observatory: Berichte zu Ausbildungsvereinen und Transfererlösen, in denen Benfica seit Jahren vorne liegt.
  • Berichte und Reportagen zum Benfica Campus und zum Benfica Lab, unter anderem in portugiesischen und internationalen Sportmedien.
  • Interviews mit Bruno Lage, Renato Paiva und ehemaligen Akademieleitern zur Durchlässigkeit und zur Rolle von Benfica B.
  • UEFA-Berichte zur Youth League und zu europäischen Akademien.
  • Zur Rolle des Futsal in der portugiesischen Ausbildung: Interviews mit portugiesischen Nationalspielern und Verbandsdokumente der FPF.

Hinweis zur Faktenlage: Benfica veröffentlicht kein Curriculum. Die Beschreibung des Trainings beruht auf Berichten aus dem Umfeld. Transfersummen sind Basisbeträge nach Medienberichten und variieren je nach Quelle.

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