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Scanning im Fußball: Wer sich öfter umschaut, spielt besser

Es klingt simpel. Schau dich um, bevor du den Ball bekommst. Wisse, was um dich herum passiert. Dann triff eine bessere Entscheidung. Aber was steckt wirklich dahinter? Wie oft schauen sich Weltklasse-Spieler tatsächlich um? Und warum trainieren wir diese Fähigkeit so selten — obwohl sie einen messbaren Effekt auf die Spielqualität hat?

📖 Lesezeit: 7 Minuten ⚽ Coach OS Wissensdatenbank

Die Forschung: Visual Exploratory Behaviour (VEB)

Jordet hat das Verhalten von Profispielern systematisch analysiert. Den Begriff, den er dafür verwendet: Visual Exploratory Behaviour — auf Deutsch: visuelles Erkundungsverhalten. Kurz: VEB.

VEB beschreibt alle Kopf- und Blickbewegungen, die ein Spieler macht, um Informationen aus seiner Umgebung zu sammeln — bevor er den Ball bekommt.

Das zentrale Ergebnis seiner Forschung:

Spieler, die sich häufig umsehen, spielen statistisch bessere Pässe.

Scan-HäufigkeitAnteil Vorwärtspässe
Häufiges Scanning77 %
Seltenes Scanning39 %

Derselbe Spieler. Dieselbe Position. Dieselbe Mannschaft. Der einzige Unterschied: wie oft er sich vor dem Ballempfang umschaut.

Der Unterschied von 77 % zu 39 % ist enorm. Das sind keine kleinen Nuancen — das ist ein grundlegend anderes Spiel.

Die besten Scanner der Welt

Jordet hat die Scan-Frequenz zahlreicher Profispieler gemessen. Das Ergebnis zeigt, warum manche Spieler immer einen Schritt voraus zu sein scheinen.

SpielerScans pro Sekunde
Xavi0,83
Fabregas0,75
Lampard0,62
Gerrard0,61
Messi~0,55
Iniesta~0,53
Pirlo~0,51
Ibrahimović~0,50

Xavi schaut sich im Schnitt fast einmal pro Sekunde um. Das klingt nach einer kleinen Zahl — bis man bedenkt, dass ein Spiel 90 Minuten hat und ein Spieler den Ball nur einen Bruchteil dieser Zeit besitzt.

Das Umsehen passiert nicht mit dem Ball. Es passiert die ganze Zeit — in Bewegung, in Deckungsposition, beim Freilaufen.

Das große Problem: Training vernachlässigt Scanning massiv

Hier liegt das entscheidende Problem. Selbst wenn Trainer wissen, dass Scanning wichtig ist — das Training bildet es kaum ab.

Jordet hat gemessen, wie oft Spieler sich in verschiedenen Trainingsformaten umsehen:

TrainingsformatScans pro Sekunde
Wettkampf0,44
Kleinfeldspiele0,36
Ballbesitzübungen0,22
Pass- und Annahmeübungen0,12
Rondos0,03

Das Rondo — eine der häufigsten Trainingsformen im modernen Fußball — produziert die niedrigsten Scan-Werte überhaupt. 0,03 Scans pro Sekunde. Das entspricht fast keinem Umsehen.

Das bedeutet: Spieler, die in Rondos trainieren, üben das Gegenteil von dem, was sie im Wettkampf brauchen. Sie schauen auf den Ball — nicht weg vom Ball.

Fazit: Scanning muss aktiv ins Training eingebaut werden. Es entsteht nicht von selbst.

Die 4 Bausteine des Scannings

Baustein 1: Absuchen

Der Spieler dreht den Kopf aktiv, um Informationen zu sammeln. Er schaut links, rechts, über die Schulter, vor sich. Das Absuchen passiert bevor der Ball kommt.

Baustein 2: Lokalisieren

Die gesammelten Informationen werden zu einem mentalen Bild zusammengesetzt. Wo stehen Mitspieler? Wo stehen Gegner? Welcher Raum ist frei?

Baustein 3: Offene Körperstellung (Panoramische Haltung)

Der Körper ist so ausgerichtet, dass möglichst viel Spielfeld im Blickfeld liegt. Seitwärts gedrehter Körper statt frontal zum Ball. Das ermöglicht eine "panoramische" Wahrnehmung — mehr Überblick ohne extra Kopfbewegungen.

Baustein 4: Gewohnheit bilden

Scanning funktioniert nur, wenn es automatisiert ist. Wer beim Spielen bewusst daran denken muss, sich umzuschauen, hat keine freie Kapazität mehr für andere Entscheidungen. Das Ziel ist, dass Scanning zur unbewussten Gewohnheit wird.

Zwei Stufen der Verarbeitung

Scanning allein reicht nicht. Das gesammelte Bild muss auch richtig interpretiert werden.

Stufe 1: Beobachten

Informationen sammeln. Wer steht wo? In welche Richtung bewegen sich Spieler? Wer presst gerade?

Stufe 2: Verstehen

Den Informationen Bedeutung geben. Welchen Raum sollte ich anlaufen? Welcher Pass ist am vielversprechendsten? Welche Bewegung des Gegners deutet auf ein Pressing hin?

Spieler, die nur Stufe 1 beherrschen, wissen wo alle stehen. Spieler, die auch Stufe 2 beherrschen, wissen was das bedeutet und was als nächstes passieren wird. Dieser zweite Schritt — das Erkennen von Mustern — ist das, was Xavi oder Pirlo so schwer zu stoppen macht.

Trainingsmethode: Farbsignale als Reiz

Das größte Problem beim Scanning-Training: Wie soll man Spieler dazu bringen, sich umzuschauen, ohne es permanent anzubrüllen?

Die Antwort: visuelle Reize einbauen, die Scanning belohnen.

Die wichtigsten Farbsignal-Methoden

Handschuhe in zwei Farben

Der Trainer trägt Handschuhe in zwei verschiedenen Farben. Vor jedem Ballempfang müssen Spieler die Farbe des erhobenen Handschuhs erkennen und laut nennen — oder die Handlung entsprechend anpassen (z.B. links statt rechts spielen, wenn rot statt blau).

Armbänder

Spieler tragen Armbänder in zwei Farben. Die Farbe bestimmt, in welche Zone gespielt werden soll, oder welche Art von Aktion gefordert ist.

Hütchen hochheben

Im Rondo oder Kleinfeldspiel hält der Trainer ein farbiges Hütchen hoch. Wer es sieht, darf/muss in eine bestimmte Richtung spielen. Wer es nicht gesehen hat, weiß es nicht.

Leibchen in zwei Farben

Teams tragen Leibchen in zwei verschiedenen Farben. Eine Regel macht die Farbe relevant: z.B. "Du darfst nur zum Spieler im roten Leibchen passen, wenn du dich davor umgeschaut hast."

Hände heben

Einfachste Variante: Freie Spieler heben eine Hand. Wer sie sieht, spielt dorthin. Wer nicht geschaut hat, sieht sie nicht.

Der Vorteil dieser Methoden: Sie bauen in jede bestehende Übung ein aktives Scan-Moment ein. Der Spieler muss sich umschauen, um die richtige Entscheidung zu treffen — nicht weil der Trainer es sagt, sondern weil er es für die Aufgabe braucht.

In jede Übung einbauen

Das Entscheidende: Scanning-Training ist kein separates Modul. Es ist eine zusätzliche Ebene, die fast jede bestehende Übung ergänzt.

Rondo: Trainer hält Hütchen hoch. Wer es sieht, darf passen. Wer es nicht sieht, muss halten.

Passspiel: Empfänger muss Farbe des Handschuhs nennen, bevor er den Ball erhält. Erst dann wird gespielt.

Kleinfeldspiel: Leibchen-Farbe bestimmt, in welche Zone gespielt werden darf.

Jede dieser Varianten verändert die Übung minimal — aber zwingt die Spieler, ständig zu scannen.

Der Dreiklang

Geir Jordet fasst das Prinzip in drei Sätzen zusammen:

"See More. Think Quicker. Play Better."

Mehr sehen. Schneller denken. Besser spielen.

Das ist keine Metapher. Es ist eine kausale Kette. Wer mehr Informationen hat (See More), trifft Entscheidungen schneller (Think Quicker) und spielt in der Konsequenz besser (Play Better).

Scanning ist dabei die Grundlage — es ersetzt weder Technik noch Taktik. Es kommt als zusätzliche Ebene obendrauf. Ein technisch starker Spieler, der sich gut umschaut, ist deutlich gefährlicher als ein technisch starker Spieler, der das nicht tut.

4 Praxispunkte für Trainer

#PunktKonkret
1Früh anfangenScanning ab der U10 explizit einbauen — Gewohnheit braucht Zeit
2Farbsignale statt AnsagenVisueller Reiz funktioniert besser als permanentes Coaching
3In bestehende Übungen einbauenKein Extra-Modul nötig — bestehende Übungen erweitern
4Offene Körperstellung coachenKörper seitwärts drehen, nicht frontal zum Ball

FAQ: Scanning im Fußball

Was bedeutet Scanning im Fußball genau?

Scanning bezeichnet alle aktiven Kopf- und Blickbewegungen, die ein Spieler macht, um Informationen über seine Umgebung zu sammeln — bevor er den Ball erhält. Forscher nennen das Visual Exploratory Behaviour (VEB).

Wer hat Scanning im Fußball wissenschaftlich untersucht?

Geir Jordet, norwegischer Sportpsychologe, ist einer der Hauptforscher auf diesem Gebiet. Seine Analysen zeigen den direkten Zusammenhang zwischen Scan-Frequenz und Spielqualität.

Wie oft schaut sich Xavi pro Sekunde um?

Laut Jordets Messung schaut sich Xavi durchschnittlich 0,83 Mal pro Sekunde um. Das macht ihn zum häufigsten Scanner, der gemessen wurde.

Warum trainiert man Scanning so selten?

Weil es keine direkt sichtbare Fähigkeit ist. Laufwege, Pässe, Schüsse — die sieht man sofort. Wer sich umschaut und wer nicht, fällt kaum auf. Deshalb bleibt Scanning oft unbewusst im Training.

Wie baut man Scanning ins Rondo ein?

Einfachste Methode: Trainer hält ein farbiges Hütchen oder einen Handschuh hoch. Spieler müssen die Farbe nennen, bevor sie spielen dürfen. Wer nicht geschaut hat, kennt die Farbe nicht und darf nicht passen.

Ab welchem Alter soll man Scanning einführen?

Ab der U10 lassen sich erste Farbsignal-Übungen einsetzen. Je früher Scanning zur Gewohnheit wird, desto stärker ist der Effekt im Erwachsenenalter.

Ersetzt Scanning andere Fähigkeiten?

Nein. Scanning ist eine zusätzliche Ebene. Ein Spieler, der sich viel umschaut, aber schlechte Technik hat, spielt trotzdem nicht gut. Aber ein technisch guter Spieler, der auch gut scannt, ist deutlich effektiver.

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