Die Grundidee: Was Fußballfitness ist
Verheijens Ausgangspunkt ist eine Definition. Klassische Fitnesstrainer messen Ausdauer, Kraft und Schnelligkeit als isolierte Größen: Sauerstoffaufnahme, Sprungkraft, Sprintzeit. Verheijen hält das für den Grundfehler.
Fußballfitness ist die Fähigkeit, Fußballaktionen mit hoher Qualität oft zu wiederholen. Nicht laufen. Nicht springen. Fußballaktionen: einen Pass spielen, einen Zweikampf führen, in die Tiefe starten, ein Pressing auslösen. Ein Spieler, der in der 80. Minute noch dieselbe Entscheidung mit derselben Ausführung trifft wie in der 10., ist fit. Ein Spieler mit hervorragenden Laborwerten, der das nicht kann, ist es nicht.
Daraus folgt Verheijens Handlungsmodell. Jede Fußballaktion besteht aus drei Schritten:
1. Kommunikation – der Spieler nimmt wahr, was Mitspieler, Gegner und Ball tun.
2. Entscheidung – er wählt eine Aktion.
3. Ausführung – er führt sie aus.
Ermüdung greift alle drei Schritte an. Ein müder Spieler sieht weniger, entscheidet schlechter und führt ungenauer aus. Wer nur die Ausführung trainiert – die Beine –, trainiert ein Drittel. Deshalb muss Fußballfitness in Situationen trainiert werden, die alle drei Schritte verlangen: in Spielformen.
Das ist bis hier dieselbe Schlussfolgerung wie bei Frade. Der Unterschied kommt jetzt.
Die vier Fitnessdimensionen
Verheijen zerlegt Fußballfitness in vier Dimensionen, die sich physiologisch unterscheiden und deshalb unterschiedlich trainiert werden müssen:
1. Explosivität. Die Fähigkeit, eine einzelne Fußballaktion mit maximaler Intensität auszuführen – ein Sprint, ein Zweikampf, ein Richtungswechsel. Physiologisch: Schnellkraft, Kraft pro Zeit.
2. Explosivität über viele Aktionen halten. Die Fähigkeit, die Qualität der Aktionen über 90 Minuten zu halten. Der Spieler, der in der 85. Minute noch den Sprint hat, den er in der 5. hatte.
3. Erholung zwischen Aktionen. Wie schnell ein Spieler nach einer intensiven Aktion für die nächste bereit ist. Im Fußball liegen zwischen zwei Sprints oft nur Sekunden. Wer schneller erholt, kann öfter sprinten.
4. Erholung zwischen Serien. Wie schnell ein Spieler nach einer Serie intensiver Aktionen – etwa einer Angriffsphase mit mehreren Sprints – für die nächste Serie bereit ist.
Jede Dimension entspricht einem Typ Spielform. Das ist Verheijens Kern und sein Unterschied zu Frade: Er sagt genau, welche Spielform welche Dimension trainiert.
| Dimension | Spielform | Merkmale |
|---|---|---|
| Explosivität | Kleine Spielformen, 1 gegen 1 bis 4 gegen 4 | Kurz, maximale Intensität, lange Pausen, wenige Wiederholungen |
| Explosivität halten | Mittlere Spielformen, 5 gegen 5 bis 8 gegen 8 | Mehrere Blöcke mittlerer Länge, kurze Pausen |
| Erholung zwischen Aktionen | Kleine bis mittlere Spielformen mit vielen Aktionen | Hohe Aktionsdichte, kurze Unterbrechungen |
| Erholung zwischen Serien | Große Spielformen, 8 gegen 8 bis 11 gegen 11 | Lange Blöcke, Spielrhythmus, Wechsel von Intensität und Ruhe wie im Spiel |
Die Feldgröße steuert die Intensität. Kleines Feld mit wenig Spielern: viele Aktionen, hohe Explosivität. Großes Feld mit vielen Spielern: lange Laufwege, Ausdauer, Rhythmus. Der Trainer stellt die Spielform ein wie ein Fitnesstrainer das Laufband – aber der Spieler spielt Fußball dabei.
Die Wochenplanung
Verheijen plant nicht nur die Woche, sondern die Saison in Zyklen von mehreren Wochen, in denen die Dimensionen aufeinander aufbauen. Vereinfacht: erst Erholung zwischen Serien, dann Explosivität halten, dann Explosivität. Große Formen vor kleinen. Umfang vor Intensität.
Innerhalb der Woche folgt er Regeln, die er aus der Regenerationsphysiologie ableitet:
Nach einem Spiel braucht der Körper rund 48 Stunden, um sich vollständig zu erholen. Training am Tag nach dem Spiel ist regenerativ oder findet nicht statt. Intensives Training beginnt frühestens am zweiten Tag danach.
Vor einem Spiel braucht der Körper rund 48 Stunden nach dem letzten intensiven Training. Der Tag vor dem Spiel ist kurz und explosiv, ohne Ermüdung.
Zwei intensive Einheiten hintereinander erzeugen Ermüdung, die sich aufbaut. Verheijen spricht von akkumulierter Ermüdung: Ein Spieler, der nie vollständig erholt in die nächste Einheit geht, wird über Wochen langsamer, ohne es zu merken – bis er sich verletzt.
Daraus ergibt sich bei einem Spiel pro Woche eine Struktur, die dem Morphozyklus der Taktischen Periodisierung ähnelt, aber physiologisch begründet ist: Sonntag Spiel, Montag frei oder regenerativ, Dienstag frei oder leicht, Mittwoch und Donnerstag intensiv mit unterschiedlichen Dimensionen, Freitag kurz und explosiv, Samstag Aktivierung.
Bei zwei Spielen pro Woche schrumpft das auf ein Minimum: Erholung, ein Tag Vorbereitung, Spiel. Verheijen hat mehrfach vorgerechnet, dass Vereine mit englischen Wochen in der Saison praktisch nicht trainieren können – und dass jeder Versuch, es doch zu tun, Verletzungen produziert.
Die Kritik an Überlastung
Verheijens bekannteste Position ist seine Kritik an dem, was er Überlastung nennt. Sie richtet sich gegen zwei Dinge.
Zu viel Umfang in der Vorbereitung. Verheijen hat wiederholt vorgerechnet, dass Vereine, die im Sommer mit Doppeleinheiten und hohem Laufumfang arbeiten, im Herbst mehr Muskelverletzungen haben. Sein Argument: Die Basis, die Klopp und Gasperini im Sommer legen, ist keine Basis, sondern eine Hypothek. Der Körper zahlt sie ab, wenn die Belastung der Saison dazukommt.
Zu wenig Erholung in der Saison. Trainer, die nach Niederlagen mehr trainieren, die zwei intensive Tage hintereinander legen, die am Tag nach dem Spiel Kondition machen – alle produzieren nach Verheijen akkumulierte Ermüdung. Seine Formel: Weniger ist mehr. Eine Mannschaft, die frisch ist, gewinnt mehr Spiele als eine, die viel trainiert hat.
Die Kritik hat ihn in Konflikte gebracht. Er hat öffentlich Guardiolas Bayern-Verletzungen 2013 und 2014 auf das Training zurückgeführt, Wengers Arsenal über Jahre kritisiert und Klopp mit Zahlen zur Verletzungshäufigkeit angegriffen. Die betroffenen Trainer haben nicht reagiert oder Verheijen als Außenstehenden abgetan. Aber die Debatte, die er angestoßen hat, ist in der Sportwissenschaft angekommen: Die Belastungssteuerung im Verhältnis zur Vorwoche gilt heute als Standard.
Verheijen und Frade: Der Vergleich
Beide lehnen isoliertes Konditionstraining ab. Beide trainieren Fitness in Spielformen. Beide haben eine Wochenstruktur mit Tagen unterschiedlicher Dominante. Die Unterschiede sind trotzdem grundlegend.
| Frade | Verheijen | |
|---|---|---|
| Ausgangspunkt | Das Spielmodell | Die Fußballaktion |
| Begründung | Systemisch – der Spieler ist nicht zerlegbar | Physiologisch – die Aktion hat messbare Dimensionen |
| Ordnung der Spielformen | Nach Prinzipien des Spielmodells | Nach Fitnessdimensionen |
| Vorbereitung | Gleiche Woche, weniger Komplexität | Zyklen, Umfang vor Intensität, aber keine Überlastung |
| Regeneration | Erholung durch Spezifität | 48-Stunden-Regeln, akkumulierte Ermüdung |
| Präzision | Bewusst vage – der Trainer füllt das Modell | Bewusst präzise – der Trainer folgt Regeln |
| Sprache | Portugiesische Akademie, komplex | Niederländisch-pragmatisch, zugänglich |
Für Trainer ist der Unterschied praktisch: Frade verlangt, dass der Trainer eine Spielidee hat und alles daraus ableitet. Verheijen verlangt, dass der Trainer versteht, welche Spielform welche Wirkung hat, und die Woche danach baut. Wer beides kann, plant die Spielform nach dem Spielmodell und wählt ihre Größe nach der Fitnessdimension. Das ist in der Praxis, was die meisten Spitzenvereine tun.
Die Kritik an Verheijen
Der Ton. Verheijen hat mit seinen öffentlichen Angriffen mehr Aufmerksamkeit für seine Person als für seine Methode erzeugt. Viele Trainer lehnen ihn ab, ohne die Methode zu kennen. Das ist sein Problem, aber es hat der Verbreitung geschadet.
Die Vereinfachung. Verheijens 48-Stunden-Regeln und Dimensionen sind eingängig, aber die Physiologie ist komplexer. Individuelle Unterschiede in der Erholung sind groß, und die Regeln passen nicht auf jeden Spieler. Verheijen weiß das und sagt es, aber die Vermittlung bleibt oft bei den Regeln stehen.
Die Sprint-Frage. Wie bei Frade bleibt die Frage, ob Spielformen die Höchstgeschwindigkeit ausreichend abbilden. Verheijen setzt auf kleine Formen für Explosivität, aber ob dabei maximale Sprintgeschwindigkeit erreicht wird, ist – wie unter Kondition ohne Ball beschrieben – in der Forschung umstritten. Viele Vereine ergänzen gezielte Sprints, was Verheijens Modell nicht vorsieht.
Die Evidenz für seine Überlastungsthesen. Verheijens Vorwürfe an einzelne Trainer beruhen auf Verletzungszahlen, die auch andere Ursachen haben können. Der Zusammenhang zwischen Vorbereitung und Herbstverletzungen ist plausibel, aber nicht so eindeutig, wie er ihn darstellt.
Kein Spielmodell. Verheijens Methode sagt nichts darüber, wie eine Mannschaft spielen soll. Sie ordnet Spielformen nach Fitness, nicht nach Taktik. Ein Trainer, der nur Verheijen anwendet, hat eine fitte Mannschaft ohne Spielidee. Das ist die Lücke, die Frade füllt.
Anwendung: Was du davon übernehmen kannst
Dieser Abschnitt ist unsere Interpretation.
Verheijen ist für Amateur- und Jugendtrainer die zugänglichste Periodisierungsmethode, weil sie mit Regeln arbeitet, die man ohne Sportstudium anwenden kann.
Denk in Aktionen, nicht in Kilometern
Deine Mannschaft ist nicht fit, wenn sie 10 Kilometer laufen kann. Sie ist fit, wenn der Innenverteidiger in der 85. Minute noch den richtigen Pass spielt. Frag dich nach jedem Spiel nicht, ob die Mannschaft eingebrochen ist, sondern welche Aktionen schlechter wurden: die Entscheidungen, die Zweikämpfe, die Sprints. Das sagt dir, welche Dimension fehlt.
Nutze die Feldgröße als Regler
Kleines Feld, wenig Spieler: Explosivität. Großes Feld, viele Spieler: Ausdauer und Rhythmus. Das ist das einfachste Werkzeug der Trainingsplanung, und es kostet nichts. Wenn deine Mannschaft am Ende der Spiele einbricht, brauchst du mehr große Formen. Wenn sie die Zweikämpfe verliert, mehr kleine.
Zwei Einheiten, zwei Dimensionen
Wie sich eine Woche grundsätzlich aufbaut, steht in der Trainingsplanung.
Bei Dienstag und Donnerstag mit Spiel am Samstag: Dienstag groß und lang – Erholung zwischen Serien, Spielrhythmus. Donnerstag klein und explosiv – kurz, hart, lange Pausen, damit die Mannschaft am Samstag frisch ist. Das ist Verheijens 48-Stunden-Regel im Amateurmaßstab, und sie widerspricht dem verbreiteten Muster, am Donnerstag noch einmal richtig zu arbeiten.
Der Tag nach dem Spiel ist frei
Wenn deine Mannschaft am Sonntag spielt, ist Montag kein Trainingstag. Wenn du am Montag trainieren musst, weil sonst kein Platz frei ist: locker, kurz, mit Ball, ohne Zweikämpfe. Alles andere ist akkumulierte Ermüdung.
Nach Niederlagen nicht mehr trainieren
Das ist die schwerste Regel. Der Reflex nach einer schlechten Leistung ist Strafe durch Umfang. Verheijen sagt: Das produziert die nächste schlechte Leistung. Eine Mannschaft, die verloren hat, braucht Klarheit und Frische, nicht Kilometer.
Vorbereitung ohne Hypothek
Vier Wochen Vorbereitung bei zwei Einheiten sind acht Einheiten. Verheijens Logik für diesen Fall: erst große Formen, dann mittlere, dann kleine. Umfang vor Intensität. Keine Läufe, keine Doppeleinheiten, kein Trainingslager, in dem die Mannschaft in drei Tagen so viel trainiert wie sonst in drei Wochen.
Was du dir merken solltest
- Fußballfitness ist nach Verheijen die Fähigkeit, Fußballaktionen mit hoher Qualität oft zu wiederholen – nicht Laborwerte. Jede Aktion besteht aus Kommunikation, Entscheidung und Ausführung, und Ermüdung greift alle drei an.
- Vier Fitnessdimensionen – Explosivität, Explosivität halten, Erholung zwischen Aktionen, Erholung zwischen Serien – entsprechen vier Typen von Spielformen, gesteuert über Feldgröße und Spielerzahl.
- Die Wochenplanung folgt Regenerationsregeln: 48 Stunden nach dem Spiel, 48 Stunden vor dem Spiel, nie zwei intensive Tage hintereinander.
- Verheijens Kritik an Überlastung – zu viel Vorbereitung, zu wenig Erholung – hat die Debatte um Belastungssteuerung geprägt, auch wenn ihr Ton geschadet hat.
- Gegenüber Frade: physiologisch statt systemisch, präzise statt vage, ohne Spielmodell. Die beiden ergänzen sich.
- Übertragbar: in Aktionen denken, Feldgröße als Regler, zwei Einheiten mit zwei Dimensionen, Tag nach dem Spiel frei, nach Niederlagen nicht mehr trainieren, Vorbereitung ohne Hypothek.
Wer in Coach OS die Woche plant, kann jeder Einheit ihre Dimension geben – groß und lang am Dienstag, klein und explosiv am Donnerstag. Ob die Mannschaft am Samstag frisch ist, entscheidet der Plan, nicht das Werkzeug.
Häufige Fragen
Quellen und weiterführende Literatur
- Raymond Verheijen: Football Periodisation: Part 1 – die Grundlegung der Methode.
- Raymond Verheijen: How Simple Can It Be? – die zugänglichere Darstellung mit Praxisbeispielen.
- World Football Academy: Kursmaterialien und Vorträge zur Fußball-Periodisierung.
- Verheijens öffentliche Analysen zu Verletzungshäufigkeit und Trainingsbelastung, verstreut über Interviews und soziale Medien 2012–2020.
- Der Artikel dieser Reihe zu Kondition ohne Ball, mit Einordnung von Verheijen zwischen Frade und der Sportwissenschaft.
Hinweis zur Faktenlage: Die Beschreibung der Methode folgt Verheijens eigenen Veröffentlichungen. Die Zuordnung von Spielformgrößen zu Dimensionen in der Tabelle ist eine Vereinfachung; Verheijen differenziert stärker nach Feldmaßen, Dauer und Pausen.