Die Positionen
Frade: Kondition ist eine Folge des Spiels
In der Taktischen Periodisierung gibt es keinen Konditionstag. Die Wochenstruktur – Spannung, Dauer, Schnelligkeit – ordnet den Tagen physische Dominanten zu, aber diese Dominanten entstehen aus der Gestaltung der Spielformen: kleine Räume und viele Richtungswechsel am Mittwoch, große Räume und lange Dauer am Donnerstag, kurze Aktionen und lange Pausen am Freitag.
Frades Begründung ist nicht physiologisch, sondern systemisch. Der Spieler ist nicht zerlegbar. Wer Ausdauer isoliert trainiert, trainiert einen Körper, nicht einen Fußballer. Die Ausdauer, die im Spiel gebraucht wird, ist die Ausdauer für Entscheidungen unter Ermüdung – und die entsteht nur im Spiel.
Seirul·lo: Der Spieler als komplexe Struktur
Seirul·lo kommt zum gleichen Ergebnis über einen anderen Weg. Der Spieler hat mehrere Dimensionen – konditionell, koordinativ, kognitiv, sozio-affektiv, emotional-volitiv –, die sich gegenseitig beeinflussen. Training findet in bevorzugten Simulationssituationen statt, Spielformen, die eine Dimension betont belasten, ohne die anderen auszublenden.
Anders als Frade lässt Seirul·lo individuelle Ergänzung zu: Kraft, Prävention, spezifische Arbeit für einzelne Spieler. Aber nicht als Mannschaftstraining ohne Ball.
Rangnick und Red Bull: Intensität aus der Spielform
Red Bull trainiert alles mit Ball, aber mit einer anderen Begründung als Frade: Die Spielidee verlangt Tempo und Umschaltbereitschaft, und eine Spielform mit Gegenpressing-Regel auf kleinem Feld ist konditionell härter als jeder Intervalllauf. Die Kondition ist ein Nebenprodukt der Spielform, die Spielform ist ein Abbild des Spiels.
Klopp: Die Basis im Sommer
Klopp arbeitet in der Saison ähnlich wie alle anderen: Spielformen, Intensität als Ziel, individuelle Ergänzung. Der Unterschied liegt in der Vorbereitung. Klopp baut dort bewusst mehr konditionellen Umfang auf als im Rest der Saison – mit Läufen, mit Tests, mit Belastung jenseits dessen, was Spielformen erzeugen. Pepijn Lijnders beschreibt in seinem Buch die Vorbereitung als das Fundament, ohne das die Intensität der Saison nicht möglich wäre.
Klopp hat nie behauptet, dass Laufen besser Fußball macht. Er hat behauptet, dass eine Mannschaft, die im Oktober noch pressen soll, im Juli eine Basis braucht. Das ist ein anderes Argument.
Verheijen: Fußball-Periodisierung mit physiologischer Logik
Raymond Verheijen, niederländischer Trainer und Autor, steht zwischen den Positionen. Er lehnt isoliertes Laufen ebenso ab wie Frade, aber aus physiologischen Gründen: Fußballfitness ist die Fähigkeit, fußballspezifische Aktionen mit hoher Qualität oft zu wiederholen. Diese Fähigkeit lässt sich nur in fußballspezifischen Situationen trainieren.
Was ihn von Frade unterscheidet: Verheijen ordnet Spielformen klar physiologischen Zielen zu. Große Spielformen für fußballspezifische Ausdauer, kleine Spielformen für Explosivität, Sprintformen mit Ball für Schnelligkeit. Er sagt, was wann trainiert wird und warum – mit einer Präzision, die Frade bewusst vermeidet. Und er ist ein scharfer Kritiker von Überlastung: Zu viel Umfang in der Vorbereitung, so Verheijen, produziert Verletzungen im Herbst.
Was die Forschung sagt
Die Sportwissenschaft hat die Frage, ob Spielformen isoliertes Training ersetzen können, seit den 2000ern intensiv untersucht. Die Befunde sind konsistenter, als die Debatte vermuten lässt.
Spielformen erzeugen vergleichbare Herz-Kreislauf-Belastung. Kleine Spielformen – 3 gegen 3 bis 5 gegen 5 auf angepassten Feldgrößen – erreichen Herzfrequenzen und Laktatwerte, die mit Intervallläufen vergleichbar sind. Die aerobe Anpassung ist ähnlich. In diesem Punkt haben Frade, Seirul·lo und Verheijen recht: Grundlagenausdauer muss nicht gelaufen werden.
Spielformen bilden Höchstgeschwindigkeit schlechter ab. Das ist der wichtigste Befund gegen die reine Spielform-Doktrin. In kleinen und mittleren Spielformen erreichen Spieler selten ihre maximale Sprintgeschwindigkeit, und die Distanz, die sie mit hoher Geschwindigkeit laufen, liegt unter der eines Spiels. Ein Spieler, der nur in Spielformen trainiert, wird im Spiel möglicherweise zum ersten Mal in der Woche mit voller Geschwindigkeit sprinten – und das ist ein bekannter Verletzungsmechanismus für die hintere Oberschenkelmuskulatur.
Die Konsequenz, die viele Profivereine gezogen haben: Spielformen als Kern, ergänzt um gezielte Sprint-Exposition – einige wenige Sprints mit hoher Geschwindigkeit pro Woche, mit oder ohne Ball, um den Körper an die Belastung zu gewöhnen. Das ist kein Lauftraining im klassischen Sinn. Es ist Verletzungsprävention.
Krafttraining schützt. Die Evidenz für isoliertes Krafttraining zur Verletzungsprävention ist stark – am bekanntesten für exzentrisches Training der hinteren Oberschenkelmuskulatur, das Verletzungen dort deutlich reduziert. Das FIFA-11+-Programm, das Kraft, Balance und Sprungtechnik als Aufwärmen kombiniert, hat in kontrollierten Studien Verletzungsraten im Amateur- und Jugendfußball gesenkt. Das ist Training ohne Ball, und es wirkt.
Der Umfang der Vorbereitung ist umstritten. Hier ist die Forschung weniger eindeutig. Es gibt Belege, dass eine zu schnelle Belastungssteigerung – das Verhältnis der aktuellen Woche zum Durchschnitt der Vorwochen – Verletzungen begünstigt. Klopps Vorbereitungen waren hart, aber sie waren fünf, sechs Wochen lang und stiegen kontrolliert an. Das Problem ist nicht der harte Sommer. Das Problem ist der harte Sommer nach einem Winter ohne Belastung – und das ist die Situation der meisten Amateurmannschaften.
Was die Praxis zeigt
Wenn man die vierzehn Vereine dieser Reihe nebeneinanderlegt, ergibt sich ein Bild, das keiner der Schulen ganz entspricht:
| Verein / Schule | Mannschaftstraining ohne Ball | Individuelle Ergänzung ohne Ball | Vorbereitung mit konditionellem Schwerpunkt |
|---|---|---|---|
| Porto / Frade | Nein | Kaum | Nein – gleiche Woche, weniger Komplexität |
| Barcelona / Seirul·lo | Nein | Ja, individuell | Nein |
| Manchester City / Buenaventura | Nein | Ja, Kraft und Prävention | Nein |
| Red Bull / Rangnick | Nein | Ja, individuell | Teilweise |
| Liverpool / Klopp | Selten in der Saison, ja in der Vorbereitung | Ja, umfangreich | Ja, ausdrücklich |
| Benfica / Lab | Nein | Ja, datengestützt | Teilweise |
| Ajax, PSV, Feyenoord | Nein | Ja | Teilweise |
| Brighton / Brentford | Nein | Ja, datengestützt | Teilweise |
Was alle gemeinsam haben: Kein Verein der Weltspitze lässt seine Mannschaft in der Saison ohne Ball laufen. Das ist entschieden. Die Debatte, ob Spielformen den Lauf ersetzen, ist im Profifußball vorbei.
Was fast alle gemeinsam haben: Fast jeder Verein ergänzt individuell ohne Ball – Kraft, Prävention, Sprint-Exposition, Rehabilitation. Frade ist hier die Ausnahme, und selbst Vereine, die nach seiner Methode arbeiten, tun es in der Praxis.
Wo sie sich unterscheiden: die Vorbereitung. Frade sagt, die Woche bleibt gleich. Klopp sagt, der Sommer ist anders. Beide haben gewonnen.
Die Auflösung liegt im Kontext. Frades Modell geht von Profis aus, die zwölf Monate im Jahr in Belastung sind und von einer Saison in die nächste gleiten. Klopps Modell geht von einer Mannschaft aus, die im Herbst eine Intensität abrufen soll, die über dem liegt, was Spielformen allein erzeugen. Und es geht von fünf bis sechs Wochen Zeit aus, in denen kontrolliert aufgebaut werden kann. Beides ist richtig für seinen Kontext. Keines ist richtig für einen Amateurverein.
Die Entscheidung für Jugend- und Amateurtrainer
Dieser Abschnitt ist unsere Interpretation.
Die Debatte der Profis ist für zwei Einheiten pro Woche in weiten Teilen irrelevant. Was zählt, sind fünf Fragen.
Kinder brauchen keine Kondition
Bis etwa zur U13 gibt es keine sinnvolle konditionelle Arbeit ohne Ball. Kinder erholen sich schnell, ihre Ausdauer entwickelt sich mit dem Wachstum, und jede Minute ohne Ball ist eine verlorene Minute in dem Alter, in dem Technik am effizientesten gelernt wird. Wenn deine F- oder E-Jugend läuft, läuft sie, weil es der Trainer nicht anders kennt.
Mit zwei Einheiten läuft niemand
Wer 180 Minuten pro Woche hat, hat keine Minute für Laufen. Die aerobe Belastung kommt aus Spielformen – kleine Felder, wenig Spieler, kurze Pausen. Wenn deine Mannschaft nach 60 Minuten einbricht, ist die Antwort nicht der Waldlauf. Die Antwort ist eine Spielform, die 20 Minuten lang im Spieltempo bleibt, weil du sie so gestaltet hast.
Sprints müssen vorkommen
Das ist die eine Ausnahme, und sie ist keine Kondition, sondern Prävention. Wenn deine Spieler nur auf kleinen Feldern trainieren und am Wochenende zum ersten Mal in der Woche einen 40-Meter-Sprint machen, riskierst du Oberschenkelverletzungen. Baue einmal pro Woche eine Spielform mit großen Distanzen ein – Umschaltspiel über das ganze Feld, Konterformen, Läufe in die Tiefe. Oder, wenn das nicht geht, vier bis sechs Sprints mit voller Geschwindigkeit am Ende einer Einheit, mit vollständiger Pause dazwischen. Das ist in fünf Minuten erledigt.
Kraft und Prävention gehören ins Aufwärmen
Das FIFA-11+-Programm oder eine eigene Variante aus Kräftigung, Balance und Sprungübungen als festes Aufwärmen kostet zehn Minuten und senkt die Verletzungsrate nachweislich. Das ist Training ohne Ball, und es ist das einzige, das im Amateurbereich uneingeschränkt empfohlen werden kann.
Die Vorbereitung ist kein Konditionslager
Die Klopp-Lektion gilt nicht für Amateure, weil der Kontext fehlt: Vier Wochen mit zwei Einheiten sind acht Einheiten. Wer davon vier mit Läufen füllt, hat vier Einheiten weniger für das, was die Saison entscheidet. Die Vorbereitung im Amateurbereich ist eine normale Trainingsphase mit etwas mehr Umfang in den Spielformen und etwas weniger taktischer Komplexität. Frades Ansatz passt hier besser als Klopps – nicht, weil Frade recht hat, sondern weil der Amateurkalender ihm recht gibt.
Was bleibt: die Frage nach der Belastungssteigerung. Eine Mannschaft, die sechs Wochen Pause hatte, sollte in der ersten Woche nicht mit der härtesten Spielform der Saison beginnen. Die Belastung steigt über drei, vier Wochen. Das ist kein Konditionsaufbau. Das ist Vernunft.
Was du dir merken solltest
- Kein Verein der Weltspitze lässt seine Mannschaft in der Saison ohne Ball laufen. Die Debatte ist im Profifußball entschieden.
- Fast alle Vereine ergänzen individuell ohne Ball: Kraft, Prävention, Sprint-Exposition. Frade ist die Ausnahme, und selbst seine Anhänger tun es.
- Frade und Klopp widersprechen sich in der Vorbereitung. Beide haben recht für ihren Kontext – zwölf Monate Belastung bei Frade, fünf Wochen kontrollierter Aufbau bei Klopp.
- Die Forschung stützt Spielformen für Ausdauer, warnt vor fehlender Sprint-Exposition und belegt den Nutzen von Krafttraining zur Prävention.
- Für Jugend- und Amateurtrainer: Kinder laufen nicht. Mit zwei Einheiten läuft niemand. Sprints müssen vorkommen. Prävention gehört ins Aufwärmen. Die Vorbereitung ist kein Konditionslager.
- Verheijen ist die Brücke: Spielformen als Kern, aber mit klarer physiologischer Zuordnung und Warnung vor Überlastung.
Wer in Coach OS seine Woche über die Saison periodisiert, sieht, ob die großen Distanzen vorkommen und ob die Belastung nach einer Pause zu schnell steigt. Die Entscheidung, was du daraus machst, ist deine – die Werkzeuge zeigen nur, was du geplant hast.
Häufige Fragen
Quellen und weiterführende Literatur
- Die Artikel dieser Reihe zu Porto, Barcelona, Manchester City, Red Bull, Liverpool, Benfica und den niederländischen Vereinen, jeweils mit Quellen zur Trainingsmethodik.
- Raymond Verheijen: Football Periodisation – zur physiologischen Begründung spielbasierten Trainings.
- Javier Mallo: Complex Football – zum Vergleich von Seirul·lo und Frade.
- Pepijn Lijnders: Intensity – zu Klopps Vorbereitung und Wochenstruktur.
- FIFA Medical: Dokumentation des 11+-Programms und der zugehörigen Studien.
- Sportwissenschaftliche Übersichtsarbeiten zu kleinen Spielformen und Belastungssteuerung im Fußball, unter anderem aus der Arbeitsgruppe um Jens Bangsbo in Kopenhagen.
Hinweis zur Faktenlage: Die Forschungsbefunde sind in Übersichtsarbeiten gut belegt, werden hier aber ohne Einzelzitate zusammengefasst. Die Zuordnung der Vereine in der Tabelle ist eine Verdichtung aus den Einzelartikeln und in den Grenzfällen („teilweise") Ermessen.