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Boca, River, Flamengo, Palmeiras: Wo Technik und Spielintelligenz herkommen

Argentinien ist Weltmeister 2022. Brasilien stellt mehr Profis im Ausland als jedes andere Land. Die letzten sieben Copa-Libertadores-Sieger kamen aus Brasilien, zuletzt Flamengo 2025 gegen Palmeiras in Lima. Und die Spieler, die in Europa den Unterschied machen – Messi, Vinícius Júnior, Julián Álvarez, Enzo Fernández, Endrick, Estêvão – kamen alle aus südamerikanischen Akademien, bevor sie 20 waren. Europäische Trainer stellen zu Südamerika eine bestimmte Frage. Nicht, wie man ein Pressing organisiert oder eine Woche periodisiert. Sondern: Wo kommt das her? Die Technik unter Druck, der Instinkt im Strafraum, die Frechheit im Eins gegen Eins, die Fähigkeit, in einer Situation, für die es keine Übung gibt, das Richtige zu tun.

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Vor der Akademie: Potrero, Baby Fútbol, Futsal, Várzea

Die großen südamerikanischen Vereine nehmen Kinder mit neun, zehn, elf Jahren auf. Was diese Kinder bis dahin gemacht haben, unterscheidet sich fundamental von Europa.

Argentinien: Potrero und Baby Fútbol

Der Potrero ist das unebene Stück Brachland, auf dem argentinische Kinder Fußball spielen – ohne Trainer, ohne Linien, ohne Altersklassen. Der Begriff ist zum Symbol geworden für eine Ausbildung, die keine ist: Kinder lernen, weil sie spielen, gegen Ältere, mit schlechtem Ball, auf schlechtem Boden. Diego Maradona, Carlos Tevez, Juan Román Riquelme haben den Potrero als ihre Schule beschrieben.

Daneben gibt es Baby Fútbol: organisierte Ligen für Kinder zwischen etwa fünf und dreizehn Jahren, meist in Stadtteilvereinen, auf kleinen Feldern, oft in der Halle oder auf Beton, mit fünf bis sieben Spielern pro Seite. Messi spielte bei Grandoli in Rosario Baby Fútbol, bevor er zu Newell's kam. Das Format ist dem Futsal ähnlich: enge Räume, viele Kontakte, ständige Zweikämpfe, schneller Ball.

Die Kombination – unstrukturierter Potrero und kleinformatiger Baby Fútbol – bedeutet, dass ein argentinisches Kind mit zehn Jahren Tausende Stunden mehr Ballkontakt hat als ein deutsches Kind, das seit der F-Jugend in einem Verein trainiert. Und dass es diese Stunden ohne Anweisung verbracht hat.

Brasilien: Futsal und Várzea

In Brasilien ist es Futsal. Das Spiel ist in Schulen und Vereinen flächendeckend verbreitet, und fast alle brasilianischen Profis der letzten dreißig Jahre haben es als Kinder gespielt: Ronaldinho, Neymar, Vinícius Júnior, Philippe Coutinho. Futsal-Trainer in Brasilien sind Ausbilder im engeren Sinn – sie lehren Technik, Finten, Ballführung unter Druck. Der Übergang zum Feldfußball geschieht meist zwischen zehn und zwölf.

Dazu kommt die Várzea, das brasilianische Gegenstück zum Potrero: Amateur- und Straßenfußball in den Vororten, auf Sand, Erde und Beton. Weniger romantisch als der Mythos, aber real: Die Dichte an informellem Fußball ist in brasilianischen Städten höher als irgendwo in Europa.

Was das bedeutet

Die südamerikanischen Akademien bekommen mit zehn Jahren Kinder, die bereits Fußballer sind. Die Akademie muss ihnen nicht beibringen, wie man einen Ball unter Druck annimmt. Sie muss ihnen beibringen, wie man in einer Mannschaft spielt. Das ist eine andere Aufgabe als die einer europäischen Akademie, die mit acht Jahren Kinder aufnimmt und ihnen beides beibringen muss.

Deshalb ist die Frage „Wie trainieren Boca und River?" zum Teil die falsche Frage. Die Antwort auf „Wo kommt das her?" lautet zum großen Teil: nicht aus dem Training.

Die Struktur: Inferiores und Base

Argentinien

Argentinische Vereine organisieren ihre Jugend in Inferiores, nach Jahrgängen von der Novena (etwa U13) bis zur Cuarta (etwa U20), darüber die Reserva. Alle spielen in Ligen des Verbands AFA gegen die Inferiores der anderen Vereine. Der Wettbewerb ist hart, öffentlich und ergebnisorientiert. Ein Boca-River-Spiel in der Séptima wird von Hunderten Zuschauern gesehen und in den Medien besprochen.

Die großen Vereine unterhalten eine Pensión, ein Internat für Spieler aus dem Landesinneren. Argentinien ist groß, die Talente sind über das ganze Land verteilt, und der Weg nach Buenos Aires ist für ein zwölfjähriges Kind eine Migration. Julián Álvarez kam mit elf aus Calchín, einem Dorf mit rund 3.000 Einwohnern in der Provinz Córdoba, und wuchs in der Pensión von River Plate auf. Die Pensión ist Teil der Vereinsidentität und einer der Gründe, warum die Bindung zwischen Spielern und Verein in Argentinien stärker ist als in Europa.

Der Übergang in die erste Mannschaft geschieht früh. Argentinische Vereine sind wirtschaftlich unter Druck und spielen Talente mit 17 oder 18 ein, weil sie sie verkaufen müssen. Das ist Not, aber es ist auch das, was Benfica mit seiner B-Mannschaft nachbaut: Männerfußball für 18-Jährige.

Brasilien

Brasilianische Vereine sprechen von Base – den Kategorien Sub-11 bis Sub-20. Das wichtigste Schaufenster ist die Copa São Paulo de Futebol Júnior, die Copinha, ein Turnier für U20-Mannschaften im Januar, das landesweit übertragen wird und regelmäßig Spieler in die ersten Mannschaften und nach Europa spült. Dazu die U20-Meisterschaft, die U17-Meisterschaft und seit 2011 die U20-Libertadores.

Der Zugang ist offener als in Argentinien. Peneiras – offene Sichtungstage, zu denen Hunderte Kinder kommen – sind in Brasilien normal. Daneben Scouts, Vermittler und ein Netz von Agenten, das früher und aggressiver arbeitet als in Europa. Ein brasilianisches Talent hat mit 14 oft schon einen Berater.

Verkäufe nach Europa geschehen mit 16, wenn der erste Profivertrag unterschrieben wird. Der Wechsel selbst erfolgt mit 18, weil die FIFA-Regeln internationale Transfers Minderjähriger verbieten. Vinícius Júnior wurde 2017 mit 16 an Real Madrid verkauft und wechselte 2018. Endrick 2022 an Real Madrid, Wechsel 2024. Estêvão 2024 an Chelsea, Wechsel 2025.

River Plate: La Máquina und die Pensión

River Plate ist der Verein der argentinischen Eleganz. Der Beiname geht auf die Mannschaft der 1940er zurück – La Máquina – und wird bis heute als Identität gepflegt: technischer, kombinationsorientierter Fußball, Spieler mit Klasse am Ball.

Die Jugend trainiert in Ezeiza, südlich von Buenos Aires, im River Camp, wo auch die erste Mannschaft arbeitet. Die Pensión ist Teil des Komplexes.

Absolventen: Pablo Aimar, Javier Saviola, Ariel Ortega, Hernán Crespo, Esteban Cambiasso, Gonzalo Higuaín, Radamel Falcao – der mit 15 aus Kolumbien kam –, Erik Lamela, Julián Álvarez, Enzo Fernández, Exequiel Palacios, Gonzalo Montiel, Claudio Echeverri, Franco Mastantuono, der 2025 mit 18 zu Real Madrid wechselte.

Was River anders macht:

Sichtung im ganzen Land. River hat ein Netz von Beobachtern in allen Provinzen und holt Kinder mit zehn, elf Jahren nach Ezeiza. Die Pensión macht das möglich. Álvarez, Fernández und Palacios kamen alle aus dem Landesinneren.

Die Spielidee als Filter. River sucht Spieler, die zu La Máquina passen: technisch, klug, spielintelligent. Ein Spieler, der nur schnell oder nur robust ist, hat es bei River schwerer als bei Boca.

Die Gallardo-Ära als Vorbild für Durchlässigkeit. Marcelo Gallardo trainierte River von 2014 bis 2022, gewann zwei Libertadores – 2015 und 2018, letztere im Finale gegen Boca in Madrid – und baute konsequent Eigengewächse ein. Álvarez, Fernández, Palacios und Montiel wurden unter ihm zu Stammspielern und später zu Weltmeistern.

Boca Juniors: Casa Amarilla und der Druck

Boca Juniors ist das Gegenstück. Der Verein aus dem Hafenviertel La Boca steht für Garra – Kampf, Wille, Widerstand. Die Bombonera ist das lauteste Stadion Südamerikas, und der Druck, der dort auf Spielern liegt, prägt die Ausbildung.

Die Jugend trainiert in Casa Amarilla, direkt neben dem Stadion, die erste Mannschaft in Ezeiza. Die räumliche Trennung ist ein Nachteil, den Boca kennt.

Absolventen: Carlos Tevez, Fernando Gago, Éver Banega, Nicolás Gaitán, Leandro Paredes, Cristian Medina, Exequiel Zeballos, Valentín Barco, der 2024 zu Brighton wechselte, Aaron Anselmino, der 2024 an Chelsea verkauft wurde. Riquelme kam mit 17 von Argentinos Juniors – ein Grenzfall, aber der Spieler, der Bocas Identität mehr prägte als jeder andere.

Was Boca anders macht:

Wettbewerb als Ausbildung. Boca-Inferiores spielen, um zu gewinnen. Der Verein sieht den Druck der Bombonera als etwas, auf das man Kinder vorbereiten muss – und tut das, indem er sie früh unter Druck setzt. Das ist das Gegenteil des Ajax-Prinzips und dem von Benfica ähnlich.

Riquelme als Präsident. Juan Román Riquelme, selbst das größte Idol der Vereinsgeschichte, wurde 2023 Präsident und hat die Jugend zum Schwerpunkt erklärt. Junge Spieler wurden häufiger und früher eingebaut. Die sportlichen Ergebnisse der ersten Mannschaft blieben in dieser Zeit hinter den Erwartungen zurück – ein Beispiel dafür, dass Jugendförderung und Titel bei einem Verein mit Bocas Anspruch schwer zusammengehen.

Mentalität vor System. Boca-Absolventen fallen weniger durch eine gemeinsame Spielidee auf als durch eine gemeinsame Haltung. Tevez und Paredes haben wenig gemeinsam außer der Bereitschaft, unter Druck Verantwortung zu übernehmen. Das ist das, was Boca ausbildet.

Flamengo: Ninho do Urubu

Flamengo ist der Verein mit den meisten Anhängern Brasiliens und seit etwa 2019 der finanzstärkste. Der Verein gewann die Libertadores 2019, 2022 und 2025 – letztere mit einem 1:0 gegen Palmeiras in Lima – und ist damit der erste brasilianische Verein mit vier Titeln.

Die Jugend trainiert im Ninho do Urubu im Westen Rio de Janeiros, wo auch die erste Mannschaft arbeitet. 2019 starben dort zehn Jugendspieler bei einem Brand in der Unterkunft. Das Unglück hat den Verein und die Debatte über die Unterbringung von Jugendspielern in Brasilien tief geprägt.

Absolventen: Zico, Júnior, Adriano, Vinícius Júnior, Lucas Paquetá, Reinier, Matheus França, João Gomes, Wesley, Lorran. Vinícius ist der bekannteste Fall: mit 16 für rund 45 Millionen Euro an Real Madrid verkauft, heute einer der besten Spieler der Welt.

Was Flamengo anders macht:

Finanzkraft als Halteinstrument. Flamengo kann, anders als die meisten südamerikanischen Vereine, Spieler halten und europäische Gehälter zumindest annähern. Der Kader der Libertadores-Sieger 2025 enthielt Rückkehrer aus Europa – Jorginho, Alex Sandro, Danilo – neben Eigengewächsen. Das Modell ist eine Mischung aus Ausbildung und Zukauf, die in Südamerika neu ist.

Der Trainer aus der Jugend. Filipe Luís, ehemaliger Nationalspieler, trainierte ab 2023 die U17 und U20 von Flamengo, übernahm 2024 die erste Mannschaft und gewann 2025 die Libertadores. Der Weg vom Jugendtrainer zum Cheftrainer innerhalb desselben Vereins ist das, was Marco Rose bei Salzburg und Bruno Lage bei Benfica gegangen sind – und was in Brasilien selten war.

Investition in die Base. Flamengo hat seit 2025 unter Präsident Luiz Eduardo Baptista die Jugendabteilung neu aufgestellt und versucht, den Vorsprung von Palmeiras aufzuholen. Der Verein hat die U20-Libertadores 2024 und 2025 gewonnen.

Palmeiras: Die produktivste Akademie Südamerikas

Palmeiras ist in den 2020ern die dominante Akademie Südamerikas geworden. Die Zahlen, die brasilianische Medien im Januar 2026 berichteten: Seit 2020 haben 51 Spieler aus der eigenen Jugend in der ersten Mannschaft debütiert. Der Verein hat in diesem Zeitraum über 1,5 Milliarden Real – rund 250 Millionen Euro – aus dem Verkauf von Eigengewächsen eingenommen. Die größten Verkäufe: Estêvão an Chelsea für bis zu 61,5 Millionen Euro inklusive Boni, Endrick an Real Madrid für bis zu 60 Millionen, Vitor Reis an Manchester City für rund 37 Millionen – die höchste Summe, die je für einen brasilianischen Verteidiger aus einem brasilianischen Verein gezahlt wurde.

Der Architekt ist João Paulo Sampaio, seit 2015 Koordinator der Base. Unter ihm hat der Verein die Zahl der Jugendtrainer verdreifacht und die Sichtung auf praktisch das ganze Land ausgeweitet. Palmeiras gewann die Copinha 2022 und 2023 und die U20-Libertadores 2022.

Was Palmeiras anders macht:

Ausbildung als Kerngeschäft. Sampaio hat es in Interviews offen gesagt: Das Ziel war, Palmeiras zu einer der fünf besten Akademien der Welt zu machen, und der Maßstab dafür sind Verkaufserlöse und Debüts. Der Verein hat nach eigenen Angaben rund 200 Millionen Real in die Base investiert und fast eine Milliarde herausgeholt. Das ist Benficas Modell mit brasilianischem Talentpool.

Durchlässigkeit unter Abel Ferreira. Der portugiesische Trainer, seit 2020 im Amt, gewann 2020 und 2021 die Libertadores und baute konsequent Eigengewächse ein: Endrick, Luis Guilherme, Estêvão, Vitor Reis, Allan. Dass ein portugiesischer Trainer mit portugiesischer Ausbildungsphilosophie die produktivste Phase der Palmeiras-Base leitet, ist kein Zufall. Die Verbindung zwischen portugiesischem und brasilianischem Fußball ist enger denn je.

Frühe Bindung, späte Freigabe. Palmeiras bindet Talente mit 16 an Profiverträge mit hohen Ausstiegsklauseln und verhandelt aus einer Position der Stärke. Der Verein hat nach eigenen Angaben Angebote von 30, 35 und 40 Millionen für Estêvão abgelehnt, als dieser 15 war, und ihn ein Jahr später für 45 Millionen plus Boni verkauft.

Struktur statt Mythos. Palmeiras' Erfolg ist die am wenigsten romantische Geschichte in diesem Artikel. Keine Potrero-Legende, kein Straßenfußball-Narrativ. Ein Koordinator, verdreifachte Trainerstellen, ein landesweites Sichtungsnetz, klare Verkaufsstrategie. Es ist das europäische Modell in Brasilien – und es funktioniert.

Die Kritik

Der Mythos verdeckt den Verlust. Potrero und Várzea sind real, aber sie verschwinden. Argentinische und brasilianische Städte verlieren Freiflächen, Kinder verbringen mehr Zeit drinnen, der informelle Fußball nimmt ab. Die Akademien merken das und beginnen, das nachzubauen, was früher von selbst geschah – mit Futsal-Programmen und Kleinfeldformaten. Ob das funktioniert, ist offen.

Der Export ist eine Blutung. Südamerikanische Vereine verkaufen ihre besten Spieler mit 16 bis 19. Die Ligen sind sportlich schwächer, als sie sein könnten. Flamengo und Palmeiras können das mit Finanzkraft zum Teil abfedern, Boca und River nicht.

Der Agentenmarkt. In Brasilien ist der Einfluss von Vermittlern auf 14-Jährige ein Problem, das der Verband kaum kontrolliert. Vereine, Agenten und Familien verhandeln um Kinder. Das ist die Kehrseite eines offenen Marktes.

Ergebnisdruck in der Jugend. Argentinische Inferiores spielen um Ergebnisse, vor Publikum, mit Medienbegleitung. Das produziert Spieler, die Druck aushalten. Es verbrennt auch Spieler, die ihn mit 14 noch nicht aushalten.

Die Sicherheit der Kinder. Der Brand im Ninho do Urubu 2019 hat gezeigt, dass Unterkünfte für Jugendspieler in Südamerika nicht überall den Standards entsprechen, die in Europa selbstverständlich sind. Das ist keine methodische Frage, aber eine, die zur ehrlichen Beschreibung gehört.

Wenig Methodik nach außen. Wie bei den meisten Akademien dieser Reihe gibt es kein Curriculum. Was übertragbar ist, sind Prinzipien und Strukturen, nicht Übungen.

Anwendung: Was du davon übernehmen kannst

Dieser Abschnitt ist unsere Interpretation.

Die Lektion Südamerikas ist die unbequemste dieser Reihe, weil sie sagt, dass das Wichtigste vor dem Training passiert. Aber sie ist übertragbar.

Schaffe Potrero-Zeit

Freies Spiel ohne Trainer ist keine verlorene Trainingszeit — dieselbe Logik wie unter Kinder spielen lassen. Es ist die wertvollste. Zwanzig Minuten zu Beginn jeder Einheit im Kinder- und Jugendbereich: Ball raus, Tore hin, spielen. Du greifst nicht ein. Du zählst nicht. Du korrigierst nicht. Das ist der Potrero, den deine Spieler nicht mehr haben.

Futsal im Winter, Kleinfeld im Sommer

Die brasilianische Lektion: Enge Räume erzwingen Technik. Im Winter Futsal statt Hallenfußball mit Bande. Auf dem Feld 3 gegen 3 und 4 gegen 4 auf kleinen Feldern mit kleinen Toren. Nicht als Aufwärmen, sondern als Kern der Einheit bis zur U11.

Lass Ältere gegen Jüngere spielen

Der Potrero mischt Altersklassen. Ein Zehnjähriger, der gegen Dreizehnjährige spielt, lernt, den Ball unter Druck zu schützen, weil er sonst keinen Ball hat. Einmal pro Woche eine gemischte Spielform über zwei Jahrgänge bringt mehr als jede Zweikampfübung.

Druck dosieren, nicht vermeiden

Die argentinische Lektion, in Maßen: Spieler brauchen Situationen, in denen etwas auf dem Spiel steht. Ein Trainingsturnier mit Tabelle, ein Elfmeterschießen vor der ganzen Mannschaft, ein Spiel, in dem die Verlierer die Tore wegräumen. Nicht jede Woche. Aber regelmäßig.

Lerne von Palmeiras: Struktur schlägt Mythos

Wer im Verein Verantwortung trägt: Palmeiras hat die Zahl der Jugendtrainer verdreifacht und ein Sichtungsnetz aufgebaut. Das ist keine südamerikanische Magie, das ist Investition in Menschen. Ein Amateurverein kann keine Trainer verdreifachen, aber er kann sicherstellen, dass jede Mannschaft zwei hat.

Die Pensión als Idee

River und Boca binden Spieler durch Zugehörigkeit. Ein Kind, das im Verein aufwächst, verlässt ihn schwerer. Für Amateurvereine heißt das: Der Verein ist mehr als das Training. Feste, Fahrten, gemeinsames Schauen der ersten Mannschaft. Das kostet nichts und hält Spieler länger, als es jede Übung könnte.

Was du dir merken solltest

  • Südamerikanische Akademien nehmen mit zehn Jahren Kinder auf, die bereits Fußballer sind – geformt vom Potrero, Baby Fútbol, Futsal und Várzea. Die Frage „Wo kommt das her?" hat eine Antwort, die zum großen Teil vor dem Training liegt.
  • Argentinische Inferiores sind ergebnisorientiert und öffentlich. Die Pensión bindet Spieler aus dem ganzen Land. Der Übergang in die erste Mannschaft geschieht früh, aus Not und mit Wirkung.
  • River bildet für La Máquina aus, Boca für die Bombonera. Zwei Identitäten, zwei Spielertypen.
  • Flamengo verbindet Ausbildung mit Finanzkraft und hat 2025 mit Filipe Luís, dem eigenen Jugendtrainer, die Libertadores gewonnen.
  • Palmeiras ist die produktivste Akademie Südamerikas – nicht durch Mythos, sondern durch Struktur: verdreifachte Trainerstellen, landesweite Sichtung, klare Verkaufsstrategie.
  • Der informelle Fußball verschwindet, der Export blutet die Ligen aus, der Agentenmarkt ist ein Problem.
  • Übertragbar: freies Spiel ohne Trainer, Futsal und Kleinfeld, gemischte Altersklassen, dosierter Druck, Investition in Trainer, Zugehörigkeit als Bindung.

Die wichtigste Übung dieser Reihe ist keine: Ball raus, Tore hin, zwanzig Minuten schweigen. Coach OS hilft dir, die anderen 70 Minuten zu planen.

Häufige Fragen

Was ist der Potrero?+
Das unebene Brachland, auf dem argentinische Kinder ohne Trainer und ohne Regeln Fußball spielen. Der Begriff steht für die informelle Ausbildung, die argentinische Spieler vor dem Vereinsfußball prägt.
Was ist Baby Fútbol?+
Organisierte Kinderligen in Argentinien für Fünf- bis Dreizehnjährige auf kleinen Feldern, oft in der Halle, mit fünf bis sieben Spielern pro Seite. Messi spielte Baby Fútbol, bevor er zu Newell's Old Boys kam.
Warum spielen brasilianische Kinder Futsal?+
Weil Futsal in brasilianischen Schulen und Vereinen flächendeckend verbreitet ist. Die engen Räume und schnellen Entscheidungen gelten als Grund für die technische Stärke brasilianischer Spieler. Fast alle brasilianischen Profis haben es als Kinder gespielt.
Warum wechseln brasilianische Talente erst mit 18 nach Europa, obwohl sie mit 16 verkauft werden?+
Weil FIFA-Regeln internationale Transfers Minderjähriger verbieten. Der Vertrag wird mit 16 geschlossen, der Wechsel erfolgt mit 18. Vinícius Júnior, Endrick und Estêvão sind Beispiele.
Was macht Palmeiras anders als andere südamerikanische Vereine?+
Palmeiras hat die Ausbildung zum Kerngeschäft gemacht: verdreifachte Trainerstellen, landesweite Sichtung, frühe Vertragsbindung, klare Verkaufsstrategie. Seit 2020 haben 51 Eigengewächse in der ersten Mannschaft debütiert, die Verkaufserlöse liegen bei über 1,5 Milliarden Real.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Jonathan Wilson: Angels with Dirty Faces: The Footballing History of Argentina – zu Potrero, Pibe-Mythos und der argentinischen Ausbildungskultur.
  • Alex Bellos: Futebol: The Brazilian Way of Life – zu Várzea, Futsal und der brasilianischen Fußballkultur.
  • Berichte brasilianischer Sportmedien (Lance, Goal Brasil, ESPN Brasil, CNN Brasil) zur Palmeiras-Base, zu João Paulo Sampaio und zu den Verkaufserlösen 2024–2026.
  • CONMEBOL: Berichte zur Copa Libertadores 2025 und zur U20-Libertadores.
  • Interviews mit Marcelo Gallardo zur Integration junger Spieler bei River Plate 2014–2022.
  • Interviews mit Filipe Luís zum Weg vom Jugendtrainer zum Cheftrainer bei Flamengo.

Hinweis zur Faktenlage: Die Zahlen zu Palmeiras stammen aus brasilianischen Medienberichten von Januar bis August 2026 und beruhen zum Teil auf Vereinsangaben. Transfersummen inklusive Boni variieren je nach Quelle; Basisbeträge liegen niedriger. Die Beschreibung des Trainings in den Akademien beruht auf übereinstimmenden Aussagen aus dem Umfeld, nicht auf veröffentlichten Curricula.

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