Woher die Idee kommt
Klopps Fußball hat drei Wurzeln.
Mainz und Wolfgang Frank. Klopp spielte in den 1990ern unter Wolfgang Frank in Mainz, einem der ersten deutschen Trainer, der ballorientiertes Verteidigen mit Viererkette und Raumdeckung nach Sacchi-Vorbild umsetzte. Klopp hat Frank immer als seinen wichtigsten Lehrer bezeichnet. Die Idee, dass eine Mannschaft als Block verschiebt und der Ball der Bezugspunkt ist, kommt von dort.
Dortmund und das Gegenpressing. Als Trainer in Dortmund von 2008 bis 2015 entwickelte Klopp mit seinem Assistenten Željko Buvač das Gegenpressing zur Hauptwaffe. Der Satz, dass kein Spielmacher der Welt so gut sei wie eine gute Gegenpressing-Situation, stammt aus dieser Zeit. Dortmund wurde 2011 und 2012 Meister und stand 2013 im Champions-League-Finale.
Porto über Lijnders. Pepijn Lijnders kam 2014 zu Liverpool in die Akademie und 2015 in den Profistab. Vorher hatte er sieben Jahre in der Jugend des FC Porto gearbeitet – im Umfeld der Taktischen Periodisierung. Lijnders hat oft betont, dass sein Denken über Trainingsplanung dort geprägt wurde. Über ihn kam ein Stück Porto nach Liverpool.
Dazu kam eine Vereinsstruktur, die zu Klopp passte: Sportdirektor Michael Edwards und eine Analyseabteilung unter Ian Graham, die Spieler nach Daten suchten – Salah, Robertson, Wijnaldum, van Dijk wurden nach Profilen gekauft, die ins Klopp-Spiel passten.
Die Spielidee
Klopps Spielidee ist verwandt mit der von Red Bull, aber weniger schematisch. Die Spielweise im Detail steht in Jürgen Klopp Taktik. Rangnick hat Regeln, Klopp hat Prinzipien.
Gegenpressing als erste Verteidigung
Der Moment nach dem Ballverlust ist der wichtigste. Statt zurückzuweichen, attackiert die ballnahe Gruppe sofort. Übungsformen dazu: Pressing und Gegenpressing trainieren. Die Begründung ist dieselbe wie bei Rangnick: Der Gegner ist ungeordnet, der Ballgewinn führt direkt in eine Chance.
Bei Liverpool war das Gegenpressing eng mit dem Angriffsspiel verbunden. Die Mannschaft griff so an, dass sie nach Ballverlust sofort in Pressingposition stand – viele Spieler nah am Ball, kurze Wege.
Das Pressing der Sturmreihe
Firmino, Mané, Salah – die Sturmreihe der großen Jahre war zuerst eine Pressingreihe. Firmino als falsche Neun leitete das Pressing ein, die Flügelspieler stellten die Außenverteidiger zu, das Mittelfeld schob nach. Der Gegner sollte zum Fehler gezwungen werden, bevor er das Mittelfeld erreichte.
Vertikalität und Tempo
Nach Ballgewinn ging es schnell. Liverpool war keine Ballbesitzmannschaft, auch wenn die Werte in den späteren Jahren stiegen. Die Idee war: gewinne den Ball, spiel den ersten Pass nach vorne, sei in fünf Sekunden vor dem Tor.
Die Außenverteidiger als Spielmacher
Trent Alexander-Arnold und Andy Robertson lieferten über Jahre mehr Vorlagen als die meisten Mittelfeldspieler. Die Sturmreihe zog nach innen, die Außenverteidiger bekamen den Flügel. Das war weniger Klopps Erfindung als eine Anpassung an die Spieler, die er hatte – und ein Beispiel dafür, wie er Prinzipien den Spielern anpasste statt umgekehrt.
Emotion als Trainingsinhalt
Klopp hat Emotion nie als Nebensache behandelt. „Mentality Monsters" war kein Slogan, sondern das Ziel: eine Mannschaft, die nach Rückschlägen härter wird. Wie das trainiert wird, ist weniger greifbar als eine Spielform – aber in Lijnders' Buch nimmt es viel Raum ein: Ansprachen, Rituale, der bewusste Umgang mit Niederlagen.
Wie trainiert wird: Was Lijnders beschreibt
Das Buch Intensity ist ein Tagebuch, kein Lehrbuch. Aber es lässt Muster erkennen.
Intensität ist das Trainingsziel. Lijnders' Kernsatz lautet, dass Intensität die Identität der Mannschaft ist. Trainiert wird nicht, um fit zu werden, sondern um im Tempo des Spiels zu handeln. Jede Spielform wird so gestaltet, dass sie das Spieltempo erreicht oder übertrifft.
Die Woche folgt dem Spielrhythmus. Ähnlich wie im Morphozyklus der Taktischen Periodisierung hat jeder Tag eine Funktion, abhängig vom Abstand zum letzten und zum nächsten Spiel. Bei zwei Spielen pro Woche – was für Liverpool die Regel war – schrumpft das auf zwei bis drei Trainingstage mit klarer Rollenverteilung: Erholung, ein intensiver Tag, Vorbereitung.
Spielformen mit Gegenpressing-Regel. Lijnders beschreibt Spielformen, in denen der Ballverlust der Ausgangspunkt ist. Kleines Feld, hohe Spielerzahl, Regeln, die das sofortige Attackieren belohnen. Die konditionelle Belastung kommt aus der Spielform selbst.
Individuelle Programme neben dem Mannschaftstraining. Liverpool arbeitete stark mit individueller Vorbereitung und Nachbereitung: Kraft, Prävention, spezifische Arbeit für einzelne Spieler. Andreas Kornmayer, der von Bayern kam, leitete die Fitnessabteilung. Anders als bei Frade oder Seirul·lo gab es also einen erheblichen Anteil an Arbeit außerhalb der Spielformen – allerdings individuell, nicht als Mannschaftslauf.
Spezialisten für Details. Liverpool stellte 2018 mit Thomas Grønnemark einen Einwurftrainer ein und wurde dafür verspottet. Die Einwurfquote stieg messbar. Der Verein arbeitete mit Neuro11, einem Unternehmen für mentales Training bei Standards, und setzte Ernährung (Mona Nemmer) und Schlaf als Leistungsfaktoren ein. Das Muster: Jeder Bereich, der Prozente bringt, bekommt einen Verantwortlichen.
Video als Kern der Analyse. Peter Krawietz, Klopps zweiter Assistent seit Mainz, war für die Videoanalyse zuständig. Klopp hat ihn oft als „das Auge" bezeichnet. Die Analyse konzentrierte sich auf Pressing-Momente und Umschaltsituationen – die Szenen, in denen die Spielidee funktionierte oder nicht.
Die Vorbereitung: Klopps bekanntestes Trainingsmerkmal
Klopps Saisonvorbereitungen sind berüchtigt. Trainingslager in Österreich oder Frankreich, doppelte Einheiten, Laktattests, Umfänge, die Spieler an ihre Grenze bringen. Das war schon in Dortmund so und blieb in Liverpool.
Die Logik ist eine andere als bei Frade. Frade lehnt die klassische Vorbereitung ab: Die Woche bleibt immer gleich, nur die Komplexität steigt. Klopp baut in der Vorbereitung bewusst eine konditionelle Basis, von der die Saison lebt. Die Intensität, die Liverpool im Spiel zeigte, wurde im Sommer angelegt.
Das ist ein echter methodischer Unterschied zwischen zwei erfolgreichen Schulen. Und es ist ein Hinweis, dass die Frage „isolierte Kondition oder nicht" weniger eindeutig beantwortet ist, als die portugiesische oder katalanische Schule behaupten.
Die Kritik
Die Belastung. Liverpool hatte in mehreren Klopp-Jahren erhebliche Verletzungsprobleme, besonders 2020/21, als fast die gesamte Innenverteidigung ausfiel. Ob das am Trainingsansatz, am Spielplan oder am Zufall lag, ist nicht geklärt. Aber eine Spielidee, die auf Intensität baut, hat einen Preis, und der wird in Verletzungen und Formeinbrüchen bezahlt.
Die Abnutzung. Klopp hat selbst gesagt, dass seine Art zu arbeiten nach sieben, acht Jahren an einem Ort erschöpft ist. In Dortmund brach die letzte Saison ein. In Liverpool war 2022/23 eine schwache Saison, bevor die letzte noch einmal gut wurde. Ein Trainingsmodell, das vom emotionalen Zustand der Gruppe lebt, ist nicht unendlich haltbar.
Die Abhängigkeit vom Trainer. Anders als bei Red Bull oder City ist Klopps Fußball an Klopp gebunden. Es gibt keinen Prinzipienkatalog, den ein Nachfolger übernehmen könnte. Dass Arne Slot 2024/25 mit fast demselben Kader Meister wurde, spricht für den Kader, nicht für ein übertragbares System – Slot spielt anders.
Die Dokumentation ist einseitig. Lijnders' Buch ist wertvoll, aber es ist das Buch eines Beteiligten über eine Saison mit zwei Titeln. Kritische Einordnung von außen gibt es wenig.
Klopp ist bei Red Bull. Seit Anfang 2025 leitet Klopp den Fußballbereich von Red Bull. Das ist konsequent – die Spielideen sind verwandt – und zeigt zugleich, dass der Klopp-Fußball ohne Klopp in Liverpool nicht weiterlebt.
Anwendung: Was du davon übernehmen kannst
Dieser Abschnitt ist unsere Interpretation.
Klopp ist die Schule, die am meisten mit Haltung zu tun hat. Das macht sie schwer kopierbar – und in Teilen sehr gut übertragbar.
Der Ballverlust ist die wichtigste Situation
Trainiere ihn. Spielform 5 gegen 5 auf kleinem Feld. Regel: Nach Ballverlust hat die verlierende Mannschaft fünf Sekunden Zeit, den Ball zurückzugewinnen. Gelingt es, zählt das wie ein Tor. Zähle laut. Die Mannschaft lernt, dass der Ballverlust kein Ende ist, sondern ein Anfang.
Trainiere im Spieltempo oder gar nicht
Lijnders' Kernsatz gilt für jede Liga. Eine Spielform, die langsamer ist als das Spiel, trainiert nicht für das Spiel. Wenn das Tempo sinkt: Feld kleiner, Regel schärfer, Pause. Nicht weiterspielen.
Gib jedem Trainingstag eine Rolle
Bei zwei Einheiten: eine intensive, eine vorbereitende. Die intensive liegt weit vom Spiel entfernt – Dienstag oder Mittwoch. Die vorbereitende ist kurz, schnell, mit Standards und ohne Ermüdung. Nie zwei gleiche Tage.
Suche die Details, die niemand trainiert
Einwürfe. Anstoß. Der Abstoß des Torwarts. Bei jedem Spiel gibt es dreißig, vierzig solcher Situationen, die kein Amateurtrainer trainiert. Zehn Minuten pro Woche für eine davon bringt mehr als eine weitere Passform.
Baue die Basis in der Vorbereitung
Anders als die portugiesische Schule spricht die Klopp-Erfahrung dafür, in den ersten Wochen konditionell mehr zu tun als im Rest der Saison. Nicht mit Waldläufen – mit Spielformen mit hohem Umfang. Die Saison lebt davon.
Emotion ist Trainingsinhalt
Wie deine Mannschaft auf ein Gegentor reagiert, ist trainierbar. Spielformen, die mit einem Rückstand starten. Spielformen, in denen ein Tor des Gegners bedeutet, dass der nächste Angriff sofort kommen muss. Nicht Motivationsreden – Situationen, in denen die Reaktion geübt wird.
Was du dir merken solltest
- Klopps Fußball ist ballorientiertes Verteidigen nach Wolfgang Frank, Gegenpressing aus Dortmund und Periodisierung mit Porto-Einfluss über Pepijn Lijnders.
- Intensität ist das Trainingsziel. Spielformen werden im Spieltempo gespielt oder abgebrochen.
- Die Woche folgt dem Spielrhythmus, mit klaren Rollen pro Tag – bei zwei Spielen pro Woche reduziert auf Erholung, ein harter Tag, Vorbereitung.
- Anders als Frade und Seirul·lo baut Klopp in der Vorbereitung eine konditionelle Basis. Das ist ein echter Unterschied zwischen erfolgreichen Schulen.
- Spezialisten für Details: Einwürfe, Standards, Ernährung, Schlaf, mentales Training.
- Die Grenzen: hohe Belastung, Abnutzung nach Jahren, Bindung an die Person Klopp.
Die Wochenplanung in Coach OS setzt Schwerpunkte pro Einheit über die Saison. Welche Einheit die harte ist und welche die vorbereitende, entscheidest du – die Struktur dafür ist da.
Häufige Fragen
Quellen und weiterführende Literatur
- Pepijn Lijnders: Intensity: Inside Liverpool FC – die Primärquelle, Trainingstagebuch der Saison 2021/22.
- Raphael Honigstein: Klopp: Bring the Noise – Biografie mit Fokus auf Herkunft der Spielidee, Wolfgang Frank und Dortmund.
- Raphael Honigstein: Das Reboot – zur Entwicklung des Pressing-Fußballs in Deutschland.
- Interviews mit Peter Krawietz, Andreas Kornmayer und Thomas Grønnemark zur Arbeit im Detail.
- Ian Graham: How to Win the Premier League – zur datenbasierten Kaderplanung bei Liverpool.
Hinweis zur Faktenlage: Die Trainingsbeschreibung stützt sich vor allem auf Lijnders, also auf eine Perspektive von innen. Aussagen zur Verletzungsproblematik sind Beobachtung, keine belegte Ursache-Wirkung.