Woher die Idee kommt
City war vor 2008 ein mittelmäßiger Verein mit großer Fanbasis. Nach der Übernahme durch die Abu Dhabi United Group wurde zunächst eingekauft, ohne Linie. Der Wandel kam 2012, als Ferran Soriano als CEO und Txiki Begiristain als Sportdirektor von Barcelona nach Manchester wechselten.
Beide hatten in Barcelona die Guardiola-Jahre verantwortet. Ihr Plan für City war offen ausgesprochen: eine Vereinsstruktur nach Barça-Vorbild, mit einer Akademie, die dasselbe Spiel lehrt wie die erste Mannschaft, und irgendwann mit Guardiola als Trainer.
2014 wurde die City Football Academy eröffnet, ein Trainingszentrum auf rund 32 Hektar gegenüber dem Stadion, mit Plätzen für alle Jahrgänge, eigener Schule und Internat. Die Jugendmannschaften spielten von Anfang an nach denselben Prinzipien wie die Profis. Rodolfo Borrell, zuvor Jugendtrainer bei La Masia und Liverpool, war eine der Schlüsselfiguren im Aufbau der Methodik.
2016 kam Guardiola. Er brachte seinen Stab mit: Lorenzo Buenaventura als Fitnesstrainer – ein Schüler von Paco Seirul·lo, der Guardiola seit Barcelona begleitet. Carles Planchart für die Analyse. Manuel Estiarte als Vertrauter. Domènec Torrent und Mikel Arteta als Assistenten, später Juanma Lillo, den Guardiola als eine seiner wichtigsten Einflussquellen bezeichnet.
Der Verein hatte vier Jahre lang die Struktur gebaut. Guardiola musste sie nur noch bespielen.
Die Spielidee: Positionsspiel weitergedacht
Die Grundlage ist das Juego de Posición aus Barcelona: den Raum so besetzen, dass in jeder Zone ein Vorteil entsteht. Was Guardiola in Manchester hinzugefügt hat, sind Antworten auf Probleme, die in Spanien so nicht existierten – schnellere Gegner, mehr Umschaltspiel, physischere Duelle.
Das Zonenraster
Guardiolas Trainingsplätze sind mit einem Raster markiert: fünf vertikale Bahnen, mehrere horizontale Zonen. Das ist gut dokumentiert, schon aus seiner Bayern-Zeit. Das Raster macht Positionsspiel lehrbar. Statt „stell dich frei" heißt die Anweisung „besetz die Halbräume, maximal drei Spieler auf einer Linie".
Die Regeln aus Barcelona gelten weiter: Nicht mehr als drei Spieler auf einer horizontalen Linie, nicht mehr als zwei auf einer vertikalen Bahn. So entsteht automatisch die Staffelung, die Anspielstationen in allen Richtungen bietet.
Die 3-2-5-Struktur
In Ballbesitz formt sich City in fast jeder Saison zu einer 3-2-5- oder 2-3-5-Struktur, unabhängig von der nominellen Grundordnung. Drei oder zwei Spieler bilden die Basis, zwei oder drei sichern das Zentrum, fünf besetzen die letzte Linie: zwei Flügel, zwei Halbraum-Spieler, ein Stürmer.
Die fünf vorne binden die gegnerische Viererkette. Die Halbraum-Spieler stehen zwischen den Linien. Der Flügel wird so breit wie möglich gespielt, um den Gegner auseinanderzuziehen. Das ist die Idee des „auf einer Seite provozieren, auf der anderen spielen" – in Struktur gegossen.
Der eingerückte Außenverteidiger
Guardiolas bekannteste Anpassung. Statt außen hochzuschieben, rückt ein Außenverteidiger ins Zentrum und bildet mit dem Sechser die Doppel-Basis. Fabian Delph 2017/18, Oleksandr Sintschenko, später João Cancelo, dann John Stones als hybrider Innenverteidiger, der ins Mittelfeld aufrückt.
Der Grund: mehr Spieler im Zentrum bei Ballbesitz, mehr Absicherung gegen Konter, und die Flügel bleiben frei für die eigentlichen Flügelspieler.
Restverteidigung
Der Begriff, der am direktesten mit City verbunden ist. Restverteidigung meint die Struktur, die hinter dem Angriff steht, während der Ball vorne ist. Bei City sind das typischerweise die Basis aus drei Spielern plus Rodri – eine 3-1 oder 2-2, die so steht, dass ein Ballverlust sofort aufgefangen wird.
Das ist der Unterschied zu vielen Ballbesitzmannschaften: City greift mit fünf an, verteidigt aber nie mit weniger als vier oder fünf. Die Restverteidigung ist keine Vorsicht, sondern die Voraussetzung dafür, dass der Angriff riskant sein darf.
Gegenpressing nach Ballverlust
Weil City in Ballbesitz kompakt und hoch steht, sind die Wege nach einem Ballverlust kurz. Guardiolas Anweisung ist seit Barcelona dieselbe: sofort attackieren, den Ball in den ersten Sekunden zurückholen. Das Positionsspiel erzeugt die Struktur, das Gegenpressing nutzt sie.
Standardsituationen als eigener Bereich
City hat als einer der ersten Vereine der Premier League einen spezialisierten Standardtrainer eingestellt: Nicolas Jover ab 2019, später bei Arsenal, danach Carlos Vicens. Standards werden in eigenen Einheiten trainiert, mit Video, mit klar geplanten Laufwegen. Das ist kein Nebenaspekt: In engen Spielen entscheiden Standards, und City hat sie über Jahre systematisch trainiert.
Wie trainiert wird
Guardiola gibt wenig Einblick in seine Trainingsarbeit. Was bekannt ist, kommt aus Biografien, Aussagen ehemaliger Spieler und Assistenten und aus Beobachtungen offener Einheiten.
Der Rondo als Einstieg, das Positionsspiel als Kern. Jede Einheit beginnt mit Rondos, oft 5 gegen 2 oder 6 gegen 3 – Guardiolas bekannteste Variante ist das 8 gegen 2 –, mit Regeln für Kontakte und Richtungswechsel. Dann folgen Positionsspiele in Zonen, meist mit Überzahl: 4 gegen 4 plus 3, 7 gegen 7 plus 3, bis hin zu 11 gegen 11 mit Zonenregeln.
Alles hat Regeln, die das Prinzip erzwingen. Wenn der Fokus auf dem dritten Mann liegt, zählt nur ein Tor nach einem Pass über einen Spieler hinweg. Wenn der Fokus auf dem Flügel liegt, muss der Ball vor dem Abschluss einmal den Flügel berührt haben. Die Übung sieht aus wie ein Spiel. Die Regel macht daraus Training.
Buenaventuras Wochenstruktur. Als Seirul·lo-Schüler arbeitet Lorenzo Buenaventura mit dem strukturierten Training: Physis über Spielformen, Tage mit unterschiedlicher Dominante, kaum isolierte Kondition. Kraft- und Präventionsarbeit findet individuell und ergänzend statt, nicht als Mannschaftstraining ohne Ball.
Kurze Einheiten, hohe Konzentration. Guardiola trainiert selten länger als 75 bis 90 Minuten. Spieler haben mehrfach beschrieben, dass die mentale Anstrengung höher ist als die physische: ständige Entscheidungen, ständige Korrekturen.
Video als Sprache. Guardiola arbeitet mit Planchart an kurzen, sehr spezifischen Videoschnitten: nicht das ganze Spiel, sondern die drei Szenen, in denen ein Prinzip nicht funktioniert hat. Das Video ist Teil des Trainings, nicht Anhang.
Der Trainer korrigiert die Position, nicht die Technik. Guardiolas Coaching bezieht sich fast ausschließlich auf Positionierung und Entscheidung. Wo stehst du, wenn der Ball dort ist? Warum stehst du nicht einen Meter weiter innen? Die Technik wird vorausgesetzt – bei City kann man sie kaufen.
Die City Football Academy
Die Akademie ist gebaut, um die Spielidee der ersten Mannschaft zu lehren. Alle Jahrgänge spielen nach denselben Prinzipien, trainieren auf denselben Plätzen mit denselben Rastern und werden von Trainern geführt, die aus derselben Methodik kommen.
Die Elite Development Squad, Citys U23, spielt Positionsspiel wie die Profis. Enzo Maresca, später Trainer bei Leicester und Chelsea, gewann mit ihr 2021 die Premier League 2 mit exakt dem Guardiola-Fußball.
Was dabei herauskommt: Phil Foden ist der bekannteste Absolvent und Stammspieler. Rico Lewis und Oscar Bobb wurden Teil der ersten Mannschaft. Cole Palmer kam durch die Akademie und wurde 2023 für rund 40 Millionen an Chelsea verkauft, wo er zum Nationalspieler wurde. Jadon Sancho, Brahim Díaz, Romeo Lavia, Liam Delap, Taylor Harwood-Bellis – ausgebildet in Manchester, erfolgreich woanders.
Das ist der Punkt: Die Akademie produziert Profis auf hohem Niveau. Aber sie produziert sie selten für die eigene erste Mannschaft, weil die erste Mannschaft aus den besten Spielern der Welt besteht. Die Akademie ist zu einem erheblichen Teil ein Geschäftsmodell geworden – Verkaufserlöse von Eigengewächsen zählen in der Finanzbilanz als Gewinn.
Dazu kommt die City Football Group: New York City FC, Melbourne City, Girona, Troyes, Yokohama F. Marinos, Mumbai City und weitere Vereine, die nach denselben Prinzipien arbeiten und Spieler untereinander tauschen. Das Modell ist dem von Red Bull ähnlich, nur größer und mit Positionsspiel statt Pressing als gemeinsamer Sprache.
Die Kritik
Es ist nicht übertragbar. Das ist die wichtigste Einschränkung. Guardiolas Positionsspiel funktioniert bei City, weil jeder Spieler technisch so sicher ist, dass er unter Druck mit einem Kontakt weiterspielen kann. Diese Talentdichte kauft man. Ein Verein ohne dieses Budget, der City kopiert, kopiert die Oberfläche.
Die Akademie dient nicht der ersten Mannschaft. Sie bildet gut aus und verkauft gut. Aber der Weg vom Jugendspieler zum Stammspieler ist bei City schwerer als fast überall sonst. Wer Foden als Beleg für Citys Jugendarbeit nimmt, muss Palmer, Sancho und Lavia als Gegenbeweis zulassen.
Die Abhängigkeit von Einzelnen. Als Rodri 2024/25 fast die ganze Saison verletzt fehlte, brach das System ein. City wurde Dritter, mit deutlichem Abstand. Ein System, das über Jahre als unabhängig von Personen galt, hing an einem Spieler.
Die Grenzen des Ballbesitzes gegen tiefstehende Gegner. City hat über Jahre gelernt, gegen tief verteidigende Mannschaften zu gewinnen – mit Haaland als Abschluss, mit Flügelspielern im Eins gegen Eins. Aber es bleibt die Schwäche des Modells: Wenn der Gegner den Raum verweigert, wird Positionsspiel zu Ballbesitz ohne Vorteil.
Die finanzielle Grundlage. City steht seit Jahren wegen möglicher Verstöße gegen Finanzregeln der Premier League unter Verdacht. Unabhängig vom Ausgang: Das Modell ist untrennbar mit einer Kapitalausstattung verbunden, die kein anderer Verein hat.
Anwendung: Was du davon übernehmen kannst
Dieser Abschnitt ist unsere Interpretation.
Der Fehler wäre, Citys Spiel zu kopieren. Der Ansatz, der funktioniert: die Struktur hinter dem Spiel zu verstehen und sie zu vereinfachen.
Markiere deinen Platz
Nicht fünf Bahnen und vier Zonen. Drei Bahnen – links, Mitte, rechts – mit Hütchen oder Linien reichen für eine Jugendmannschaft. Dann die einfachste Regel: Nie mehr als drei Spieler in einer Bahn. Das erzwingt Breite, ohne dass du sie ständig einfordern musst.
Restverteidigung als Grundregel
Egal, wie du angreifst: Zwei Spieler bleiben hinter dem Ball, auch wenn der Ball vorne ist. Das ist die vereinfachte Form von Citys 3-1. Es kostet dich einen Angreifer und rettet dir zehn Konter pro Spiel.
Trainiere das in einer Spielform: Tor zählt nur, wenn zum Zeitpunkt des Abschlusses zwei eigene Spieler in der eigenen Hälfte stehen.
Der dritte Mann als Trainingsziel
Positionsspiel 4 gegen 4 plus 3 Neutrale. Regel: Ein Tor zählt nur nach einem Pass, der einen Spieler überspielt. Das trainiert das, was City am besten kann – den Pass, der nicht zum nächsten, sondern zum übernächsten Spieler gedacht ist.
Standards ernst nehmen
Wie sich Ecken und Freistöße systematisch aufbauen lassen, steht in den Standards im Fußball.
Zehn Minuten pro Woche für eine Eckballvariante und eine Freistoßvariante. Mit klaren Laufwegen, mit Video vom letzten Spiel, wenn du es hast. City hat dafür einen Spezialisten – du hast dieselben zehn Minuten.
Coache Position, nicht Technik
Bei einem verlorenen Ball nicht „Pass genauer", sondern „Wo hättest du stehen müssen, damit der Pass leicht ist?" Das ist Guardiolas Coaching, und es funktioniert in jeder Liga.
Kaufe nicht, was du nicht bezahlen kannst
Wenn deine Innenverteidiger unter Druck den Ball nicht halten können, ist flacher Aufbau gegen hohes Pressing nicht dein Spiel. Positionsspiel setzt technische Sicherheit voraus. Baue erst die Sicherheit auf – mit Rondos und Positionsspielen in Überzahl –, dann die Spielidee.
Was du dir merken solltest
- Manchester City ist das Barça-Modell mit Barça-Personal – Soriano, Begiristain, Borrell, Buenaventura, Guardiola – und ohne die Grenze, auf Eigengewächse angewiesen zu sein.
- Guardiolas Anpassungen: Zonenraster, 3-2-5-Struktur in Ballbesitz, eingerückter Außenverteidiger, Restverteidigung, Standards als eigener Bereich.
- Trainiert wird über Rondos und Positionsspiele mit Regeln, die das Prinzip erzwingen. Physis nach Seirul·lo, kaum isolierte Kondition.
- Die Akademie lehrt dieselbe Spielidee und produziert gute Profis – meist für andere Vereine.
- Das Modell ist nicht übertragbar, weil es Talentdichte voraussetzt, die man kaufen muss. Übertragbar sind die Prinzipien: Breite über Zonen, Restverteidigung, dritter Mann, Standards.
Wer in Coach OS eine Spielidee als roten Faden über alle Teams eines Vereins hinterlegt, arbeitet mit dem Gedanken der City Football Academy – nur ohne 32 Hektar. Der Gedanke ist derselbe: eine Sprache, alle Jahrgänge.
Häufige Fragen
Quellen und weiterführende Literatur
- Martí Perarnau: Pep Confidential und Pep Guardiola: The Evolution – der detaillierteste Einblick in Guardiolas Trainingsarbeit, aus der Bayern-Zeit, methodisch übertragbar.
- Lu Martín und Pol Ballús: Pep's City: The Making of a Superteam – zur Vereinsstruktur und den ersten City-Jahren.
- Interviews mit Juanma Lillo, Lorenzo Buenaventura und Rodolfo Borrell zur Methodik.
- Amazon-Dokumentation All or Nothing: Manchester City (Saison 2017/18) – Einblicke in Kabine, Training und Videoarbeit.
- Javier Mallo: Complex Football – zum Hintergrund von Buenaventuras Trainingsphilosophie über Seirul·lo.
Hinweis zur Faktenlage: Guardiola veröffentlicht keine Trainingspläne. Die Beschreibung beruht auf Biografien, Dokumentationen und Aussagen aus dem Trainerstab. Transfersummen sind Basisbeträge nach Medienberichten.