Woher das Modell kommt
Atalanta hat seit den 1970ern in die Jugend investiert, weil dem Verein nichts anderes blieb. Bergamo ist eine reiche Stadt, aber Atalanta war nie ein reicher Verein. Der Weg in die Serie A führte über Spieler, die man selbst ausbildete und verkaufte.
Die zentrale Figur ist Mino Favini, der von 1991 bis 2015 die Jugendabteilung leitete – fast ein Vierteljahrhundert. Favini hatte vorher bei Como gearbeitet, wo er Gianluca Zambrotta und andere entdeckte, und baute in Zingonia ein System auf, das auf drei Dingen ruhte: Sichtung in der gesamten Lombardei mit einem dichten Beobachternetz, Geduld mit Spätentwicklern und eine Ausbildung, die Technik und Mentalität gleichgewichtig behandelte.
Unter Favini wurden Riccardo Montolivo, Giampaolo Pazzini, Giacomo Bonaventura, Manolo Gabbiadini, Andrea Consigli, Roberto Gagliardini, Andrea Conti, Mattia Caldara und Franck Kessié ausgebildet oder entscheidend gefördert. Die Liste der Spieler, die aus Zingonia in die Serie A kamen, umfasst weit über hundert Namen.
Nach Favinis Abgang übernahm eine Struktur, die er aufgebaut hatte. Der Verein gehört seit 2010 der Familie Percassi – Antonio Percassi, selbst ehemaliger Atalanta-Spieler, und sein Sohn Luca als Geschäftsführer. 2022 stieg der amerikanische Investor Stephen Pagliuca ein. Die Percassis haben die Akademie nie infrage gestellt, sondern in Infrastruktur investiert: Zingonia wurde ausgebaut, das Stadion Gewiss Stadium modernisiert.
Die Akademie: Zingonia
Zingonia liegt rund 15 Kilometer südlich von Bergamo. Das Centro Sportivo Bortolotti ist Trainingszentrum der ersten Mannschaft und der Jugend zugleich – wie bei Benfica, Sporting und Lyon derselbe Ort für alle.
Was übereinstimmend über die Ausbildung beschrieben wird:
Sichtung in der Lombardei mit Tiefe. Die Lombardei ist mit rund zehn Millionen Einwohnern die bevölkerungsreichste Region Italiens, und Atalanta konkurriert dort mit Milan und Inter. Der Verein hat seit Favini ein Netz von Beobachtern aufgebaut, das bis in die kleinsten Amateurvereine reicht. Es geht nicht darum, den besten Zwölfjährigen der Region zu holen – den holen Milan und Inter. Es geht darum, den zu finden, den beide übersehen haben.
Technik und Aggressivität zusammen. Italienische Ausbildung hat traditionell zwei Pole: die technische Schule und die taktisch-defensive. Zingonia verbindet beide auf eine Weise, die sich in den Absolventen zeigt: Spieler, die technisch sicher sind und Zweikämpfe suchen. Kessié, Bastoni, Scalvini – Spieler mit Ball und Biss.
Eins gegen Eins als Grundlage. Das ist der Punkt, der die Akademie mit Gasperinis späterem Fußball verbindet. Zingonia hat immer viel Eins gegen Eins trainiert, offensiv und defensiv. Als Gasperini kam und Mann-gegen-Mann-Verteidigen über das ganze Feld verlangte, waren die Spieler aus der eigenen Jugend dafür vorbereitet.
Geduld. Favinis Prinzip, das der Verein behalten hat. Spätentwickler werden gehalten. Der Übergang in die erste Mannschaft geschieht, wenn der Spieler bereit ist, nicht wenn der Vertrag es verlangt.
Absolventen der Gasperini-Ära: Alessandro Bastoni, der 2017 zu Inter ging und dort Champions-League-Finalist wurde, Giorgio Scalvini, Matteo Ruggeri, Marco Carnesecchi, Dejan Kulusevski, der mit 16 aus Schweden kam und später zu Juventus und Tottenham ging, Roberto Piccoli, Michel Adopo.
Atalanta U23
2023 gründete Atalanta als dritter italienischer Verein nach Juventus und Milan eine zweite Mannschaft, die in der Serie C spielt – der dritten Liga, gegen erwachsene Profis, um Punkte. Das ist in Italien eine Ausnahme: Die meisten Vereine haben nur die Primavera, die U19-Meisterschaft, und danach ein Loch. Spieler werden mit 19 verliehen, oft in die Serie B oder C zu Vereinen, die sie nicht ausbilden, sondern nutzen.
Atalanta U23 schließt dieses Loch, wie Benfica B in Portugal und Freiburg II in Deutschland. Es ist einer der Gründe, warum Atalanta in Italien mehr Eigengewächse in die erste Mannschaft bringt als Vereine mit dem doppelten Budget.
Gasperini: Der Fußball und das Training
Gian Piero Gasperini kam 2016 nach Bergamo, mit 58 Jahren, nach Stationen in Genua, Inter – wo er nach fünf Spielen entlassen wurde – und Palermo. Er galt als guter Trainer mit einer Idee, die in Italien nicht funktionierte. In Bergamo funktionierte sie neun Jahre.
Die Spielidee
Gasperinis Fußball ist in Italien einzigartig und lässt sich in drei Prinzipien fassen.
Mann gegen Mann über das ganze Feld. Atalanta verteidigt nicht im Raum, sondern am Gegenspieler. Jeder Spieler hat einen direkten Gegner, dem er folgt – auch, wenn dieser weite Wege geht. Das ist das Gegenteil des ballorientierten Verteidigens, das Rangnick, Klopp und die deutsche Schule lehren. Es verlangt von jedem Spieler, sein Duell zu gewinnen, und macht das Kollektiv von der Summe der Zweikämpfe abhängig.
Drei Innenverteidiger, die aufrücken. Gasperinis 3-4-2-1 hat Innenverteidiger, die mit Ball weit ins Mittelfeld vorstoßen, und Flügelspieler, die die ganze Seite bespielen. Das erzeugt Überzahl im Angriff und Risiko in der Verteidigung. Atalanta hat unter Gasperini viele Tore geschossen und viele bekommen – 98 Ligatore in der Saison 2019/20, zeitweise mehr als Juventus und Inter zusammen.
Vertikalität. Der Ball geht nach vorne, sobald es geht. Gasperinis Mannschaften halten den Ball nicht, um zu organisieren. Sie halten ihn, um den nächsten Pass in die Tiefe zu finden.
Das Training
Gasperinis Training ist das bekannteste Detail seiner Arbeit, und es ist dokumentiert – durch Spieler, die es beschrieben haben, meist mit einer Mischung aus Respekt und Erschöpfung.
Intensität als Grundprinzip. Gasperini trainiert im Spieltempo oder darüber. Spielformen sind kurz, hart und mit wenig Pausen. Spieler, die aus anderen Vereinen kamen, haben mehrfach beschrieben, dass die ersten Wochen in Bergamo körperlich das Härteste waren, was sie im Fußball erlebt hatten.
Eins gegen Eins als Kern. Weil die Spielidee auf Duellen beruht, wird das Duell trainiert. Spielformen sind so gebaut, dass jeder Spieler einen direkten Gegner hat und ihm folgen muss. Das verteidigende Verhalten im Mann-gegen-Mann ist Trainingsinhalt in fast jeder Einheit.
Die Vorbereitung als Fundament. Wie Klopp – und anders als Frade – legt Gasperini in der Vorbereitung eine konditionelle Basis. Mehr dazu unter Kondition ohne Ball. Die Trainingslager in den Bergen um Bergamo sind berüchtigt. Gasperini hat nie verhehlt, dass seine Mannschaft laufen muss, um seinen Fußball zu spielen, und dass die Basis dafür im Sommer gelegt wird.
Wenig Kompromiss. Gasperini hat Spieler, die seine Intensität nicht mitgingen, konsequent aussortiert – unabhängig von Namen und Marktwert. Die Kabine hat sich über die Jahre um Spieler herum geformt, die die Arbeit wollten.
Die Bilanz
Neun Jahre, ein Europa-League-Titel, fünf Champions-League-Teilnahmen, ein Viertelfinale, drei dritte Plätze in der Serie A, mit einem Verein, der vorher nie unter den ersten fünf gestanden hatte. Dazu Spieler, die im System zu Spitzenspielern wurden: Papu Gómez, Josip Iličić, Duván Zapata, Ademola Lookman, Teun Koopmeiners, Gianluca Scamacca, Ederson.
2025 verließ Gasperini Bergamo und übernahm die Roma. Sein Nachfolger wurde Ivan Jurić, ein früherer Spieler und Assistent Gasperinis, der dessen Fußball in Genua und Turin fortgeführt hatte.
Der italienische Kontext
Atalanta muss vor dem Hintergrund des italienischen Systems gelesen werden, das anders funktioniert als das deutsche oder französische.
Die Primavera und das Loch danach. Italienische Vereine haben ein Settore Giovanile mit Jahrgängen bis zur U19, der Primavera. Danach gibt es keine Struktur. Spieler werden verliehen, oft mehrfach, an Vereine in der Serie B und C, die sie als Arbeitskräfte einsetzen, nicht als Talente entwickeln. Viele gehen dabei verloren. Juventus gründete 2018 als erster Verein eine zweite Mannschaft in der Serie C, Atalanta folgte 2023, Milan 2024. Der Rest hat weiterhin das Loch.
Taktik früh, Technik später. Die italienische Ausbildung hat traditionell einen taktischen Schwerpunkt. Zwölfjährige lernen Positionsspiel gegen den Ball, Abstände, Verschieben. Das produziert taktisch reife Spieler und weniger Individualisten. Italien ist seit 2014 bei keiner Weltmeisterschaft mehr über die Qualifikation hinausgekommen – 2018 und 2022 scheiterte die Nationalmannschaft daran. Die Debatte, ob die Ausbildung zu taktisch und zu wenig technisch ist, wird in Italien seitdem laut geführt.
Ausländische Talente im Nachwuchs. Italienische Spitzenvereine haben in den 2010ern zunehmend junge Spieler aus dem Ausland in ihre Jugend geholt, oft statt eigener Sichtung. Atalanta hat das mit Kulusevski und anderen auch getan, aber der Kern der Akademie blieb lombardisch.
Vor diesem Hintergrund ist Atalantas Leistung größer, als sie in absoluten Zahlen aussieht: Der Verein hat in einem System ohne Übergang einen Übergang gebaut und in einem Land mit taktischem Schwerpunkt Spieler ausgebildet, die im Eins gegen Eins bestehen.
Die Kritik
Gasperinis Fußball ist nicht übertragbar. Mann-gegen-Mann über das ganze Feld funktioniert, wenn jeder Spieler sein Duell gewinnen kann und die Mannschaft neun Jahre in dieselbe Richtung trainiert wurde. Vereine, die es kopiert haben, sind meistens gescheitert. Es ist ein Modell für einen Trainer mit Zeit und einem Verein mit Geduld.
Die Verletzungsfrage. Ein Training, das Spieler an die Grenze bringt, hat einen Preis. Atalanta hatte unter Gasperini Phasen mit vielen Muskelverletzungen. Ob das am Training, am Spielplan oder am Zufall lag, ist wie bei Liverpool nicht geklärt.
Der Übergang nach Gasperini. Neun Jahre ein Trainer sind ein Vorteil, bis er geht. Ob Jurić den Fußball halten kann und ob die Akademie weiterhin Spieler produziert, die zu ihm passen, entscheidet sich in den nächsten Jahren.
Die Akademie verkauft. Bastoni ging mit 18 zu Inter und wurde dort Weltklasse. Kessié ging zu Milan, Caldara zu Juventus. Atalanta bildet gut aus und profitiert finanziell, aber wie Ajax und Benfica verliert der Verein die besten Spieler, bevor sie ihren Höhepunkt erreichen.
Wenig Methodik nach außen. Favinis Arbeit ist gut dokumentiert in dem Sinne, dass ihre Ergebnisse bekannt sind. Wie in Zingonia im Detail trainiert wird, ist wie fast überall Rekonstruktion.
Anwendung: Was du davon übernehmen kannst
Dieser Abschnitt ist unsere Interpretation.
Atalanta ist für kleine Vereine das ermutigendste Beispiel dieser Reihe – und Gasperini das riskanteste Vorbild.
Sichte tiefer, nicht breiter
Favinis Prinzip: nicht den finden, den alle sehen, sondern den, den alle übersehen. Für einen Amateurverein heißt das: Geh zu den Spielen der kleinen Nachbarvereine, nicht zu den Turnieren, auf denen die Leistungszentren sitzen. Der Spieler, der dort auffällt, wird von niemandem sonst gesehen.
Das Eins gegen Eins in beide Richtungen
Zingonia trainiert das Duell offensiv und defensiv. Die meisten Jugendtrainer trainieren es nur offensiv – der Dribbler gegen den passiven Verteidiger. Baue Formen, in denen der Verteidiger gewinnen kann: Punkt für den Ballgewinn, Punkt für das Verhindern des Abschlusses. Das Duell hat zwei Seiten.
Mann-gegen-Mann als Lernphase
Gasperinis System ist für Profis gebaut. Aber ein Baustein ist für die Jugend wertvoll: Ein Spieler, der lernt, einem Gegner über weite Strecken zu folgen und ihn zu stellen, versteht Verteidigen anders als einer, der nur im Raum verschiebt. Eine Phase mit Mann-gegen-Mann in der U13 oder U14 – zwei, drei Wochen, nicht die Saison – schärft das Verständnis für das Duell.
Intensität braucht Zeit
Gasperini hat neun Jahre gebraucht, um eine Mannschaft zu formen, die sein Tempo hält. Ein Trainer, der Intensität verlangt, muss sie aufbauen – über Wochen, mit Spielformen, die schrittweise härter werden. Wer in der ersten Woche das Tempo der neunten verlangt, verliert die Mannschaft.
Der Übergang ist die Aufgabe
Atalanta U23 in der Serie C ist die Antwort auf das italienische Loch nach der U19. Deutschland hat dasselbe Loch. Wer im Verein Verantwortung trägt: Die zweite Herrenmannschaft ist die Brücke. Behandle sie so.
Klein sein ist kein Grund
Bergamo hat 120.000 Einwohner und konkurriert mit Mailand. Atalanta hat mit Geduld, Sichtung und einem Trainer, der bleiben durfte, Italien überholt. Die Ausrede „wir sind zu klein" gilt nach Atalanta nicht mehr.
Was du dir merken solltest
- Atalanta ist seit den 1980ern Italiens produktivste Akademie, gebaut von Mino Favini über 24 Jahre: Sichtung in der Tiefe, Geduld, Technik und Aggressivität zusammen.
- Zingonia trainiert Eins gegen Eins in beide Richtungen. Das machte die Spieler bereit für Gasperinis Mann-gegen-Mann-Fußball.
- Gasperini trainierte neun Jahre mit einer Intensität, die in Italien einzigartig war, legte die Basis in der Vorbereitung und gewann 2024 die Europa League.
- Atalanta U23 in der Serie C schließt das italienische Loch nach der U19 – wie Benfica B und Freiburg II.
- Die Grenzen: Gasperinis Fußball ist nicht übertragbar, die Verletzungsfrage offen, die besten Spieler gehen früh.
- Übertragbar: tiefer sichten, das Duell in beide Richtungen trainieren, Mann-gegen-Mann als Lernphase, Intensität aufbauen, den Übergang bauen, Klein-sein nicht als Ausrede.
Eine Spielform, in der jeder Spieler einen direkten Gegner hat, ist in Sketch mit Zuordnungslinien in einer Minute gezeichnet. Die Entscheidung, ob deine Mannschaft dafür bereit ist, dauert länger.
Häufige Fragen
Quellen und weiterführende Literatur
- Interviews mit Mino Favini zur Sichtung und Ausbildungsphilosophie, verstreut über italienische Sportmedien bis 2015.
- CIES Football Observatory: Berichte zu Ausbildungsvereinen, in denen Atalanta seit Jahren die Spitze in Italien bildet.
- Interviews mit Gian Piero Gasperini zur Spielidee und zum Training 2016–2025.
- Aussagen von Spielern zur Trainingsintensität, unter anderem von Papu Gómez, Remo Freuler und Teun Koopmeiners.
- Berichte zur Gründung von Atalanta U23 und zur Rolle zweiter Mannschaften in der Serie C.
- UEFA: Berichte zum Europa-League-Finale 2024.
Hinweis zur Faktenlage: Atalanta veröffentlicht kein Curriculum. Die Beschreibung der Ausbildung beruht auf übereinstimmenden Aussagen aus dem Umfeld und den Profilen der Absolventen. Aussagen zur Verletzungsproblematik sind Beobachtung, keine belegte Ursache-Wirkung.